Buchvorstellung

“Die Freiheit kam im Mai“
Iavokos Kambanellis.

Ephelant Verlag Wien (2010),
329 Seiten,
ISBN: 978-3-900766-17-7 bzw.
ISBN: 978-3-900766-18-4.

„Mauthausen“, eines der bekanntesten Werke des griechischen Theater- und Filmautors Iakovos Kambanellis gibt es jetzt auch auf Deutsch. Der Wiener Verlag Ephelant gab das Buch unter dem Titel „Die Freiheit kam im Mai“ heraus. Mikis Theodorakis vertonte seine Gedichte „Mauthausen Cantata“ und machte sie weltweit bekannt.

Iakovos Kambanellis (geb. 1922) zählt zu den bekanntesten Bühnen- und Filmautoren Griechenlands. Seine Popularität gründet sich ebenso auf die oft gespielten und gesungenen Vertonungen seiner Gedichte, besonders auf die weltweit bekannte „Mauthausen Cantata“, die von Mikis Theodorakis vertont wurde.

Kambanellis war Häftling im Konzentrationslager Mauthausen. Er schildert die Zeit der Gefangenschaft, den Tag der Befreiung, den 5. Mai 1945, das Leben im Lager in den folgenden Monaten und die Kontakte mit der Bevölkerung in den nahen Dörfern und Bauernhöfen, das Leben des Aufbruchs in die Freiheit, die ersten Schritte in eine neue Epoche.

Mikis Theodorakis sagt zu dieser ersten Übersetzung des Werkes ins Deutsche, das in Griechenland mehr als 30 Mal aufgelegt wurde: „Der Dichter beweist in seinem Buch, dass er stärker als seine Kerkermeister ist, weil er uns überzeugend zeigt, dass sich sogar in der Hölle die Liebe letztendlich als das Stärkere erweist.“

Das Buch ist erstmals aus dem Griechischen ins Deutsche von Elena Strubakis (Wien) übersetzt worden und erscheint in zwei Ausgaben: Einer Ausgabe ist die CD „The Mauthausen Cantata“ von Mikis Theodorakis beigelegt.

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Iakovos Kambanellis über das Buch und die Mauthausen Gedichte:
Ich werde immer wieder überrascht von Dingen, die «nachher» geschehen.

1965: Die Mauthausen Chronik wird für ihre Veröffentlichung bei Themelio-Verlag vorbereitet. Der Verleger Mimis Despotides, hatte eine Idee, mit der sowohl Mikis Theodorakis als auch ich selbst sofort einverstanden waren: eine Reihe von Liedern zu schreiben, die aufgenommen werden sollten, so daß die Schallplatte zur gleichen Zeit wie meinem Buch erscheinen würde. Und genau so war es dann. Im Dezember jenes Jahres machte ich eine Lesung mit Auszügen aus der “Chronik”. Anschließend wurden die Lieder erstmals aufgeführt. Ein unvergeßlicher Abend – nicht nur für mich, sondern auch für Theodorakis und Farantouri.

1980: Ich beschließe, ein erstes Mal nach Mauthausen zurückzukehren. Es ist Mai, und die ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers, Frauen und Männer aus ganz Europa, wollen sich dort wiedersehen. Wir treffen uns genau 35 Jahre nach unserer Befreiung. Am 5. Mai versammeln wir uns im Dorf Mauthausen, um gemeinsam zum Lager zu gehen. Wir, die 30.000 Überlebenden, schweigen, während wir zum KZ hinaufsteigen, und unser Schweigen ist Ausdruck unserer Erinnerung, unserer Liebe und unseres Respektes für die 240.000, die dort zu ihrem Golgatha hinaufgeschritten waren. Als wir uns dem Lager nähern, höre ich aus seinem Inneren, vom Appellplatz her, eine Musik tönen: Sie wird durch die Morgenluft den ganzen Weg hinauf zu den neubewaldeten Hügeln getragen. Sie scheint mir irgendwie vertraut, so als ob ich sie schon früher irgendwo einmal gehört habe. Ich irre mich nicht. Als wir näher kommen, wird mit bewußt, daß ich die Stimme von Maria Farantouri höre, die singt: “Ihr Mädchen aus Auschwitz, ihr Mädchen aus Mauthausen, habt ihr meine Liebste nicht gesehen?” Später gehe ich ins Sekretariat, ohne mich zu erkennen zu geben, und frage, welches der Gesang gewesen ist, den wir am Morgen gehört hatten. Man sagt mir, daß das seit Jahren schon das musikalische Leitmotiv des Lagers ist.

Ich weiß, wieviel Mühe sich Theodorakis gegeben hat, um den Mauthausen-Zyklus musikalisch umzusetzen und in Konzerten vorzustellen. Diese Lieder waren inzwischen in vielen Ländern bekannt geworden. Dennoch, meine “Begegnung” mit diesem Lied, an gerade diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt, nun …

Seitdem träumte ich von einem Konzert im Lager Mauthausen. Dieser Traum wurde zweimal Wirklichkeit – einmal 1988 und einmal 1995. Es kamen Menschen von überall her: Zehntausende, Pilger, Pazifisten, wunderbare Menschen …

Zurück ins Jahr 1965! Wie wunderbar und kreativ ahnungslos wir doch waren.

© Iakovos Kambanellis – Deutsche Übersetzung Guy Wagner – Durchsicht: Asteris Kutulas

Mikis Theodorakis zur Entstehung der «Mauthausen-Cantata»

Ein guter Freund von mir, der Dichter Iakovos Kambanellis, war während des Zweiten Weltkriegs Gefangener in Mauthausen. Er schrieb Anfang der sechziger Jahre seine diesbezüglichen Erinnerungen unter dem Titel “Mauthausen”. 1965 verfasste er zu diesem Thema auch vier Gedichte, die er mir gab, damit ich sie vertone. Ich habe das sehr gern gemacht, weil mir erstens die Poesie in diesen Texten gefallen hat und weil ich zweitens während der Besatzungszeit selbst in italienischen und deutschen Gefängnissen eingesperrt war; vor allem aber, weil ich sah, dass wir die Möglichkeit haben würden, mit Hilfe dieser Kompositionen den Jugendlichen die Geschichte in Erinnerung zu rufen, jene Geschichte, die niemals vergessen werden darf. Die Mauthausen-Lieder richten sich natürlich in erster Linie an all jene, die unter Faschismus gelitten und gegen ihn gekämpft haben. Wir alle müssen uns aber immer wieder die Verbrechen der Nazis vor Augen halten, weil dies das einzige Mittel dagegen ist, dass sich solche Dinge wiederholen könnten. Wir sehen täglich, dass der faschistische Geist noch längst nicht erloschen ist. Er zeigt oft nicht sein wahres Gesicht, aber faschistische Kulturen und Mentalitäten gibt es überall auf der Welt. Für uns, die diese Schreckenszeit durchleben mussten, ist es die wichtigste Aufgabe, unsere Kinder vor dieser Gefahr zu schützen.

© Mikis Theodorakis

Quelle: Griechische Botschaft Berlin