Gemeinsam an der Zukunft arbeiten

Von links: Guy Féaux de la Croix, Gesandter deutsche Botschaft Athen, Herbert Krüger, Oberbürgermeister von Neckartenzlingen, Reinhard Heller, Oberbürgermeister von Detmold

Zweite deutsch-griechische Versammlung (DGV II)

Thessaloniki, 4. und 5. November 2011

Von Sylvia Löser und Walter Bachsteffel

Kranzniederlegung am Denkmal von Hortiatis, 3.v.l. Michalis Geranis, 4. v. l. Herbert Krüger, daneben Vize-Generalkonsul Bormann und Klaus Amoneit, Geschäftsführer ’aktuelle forum nrw’ Gelsenkirchen
Herbert Krüger, Oberbürgermeister von Neckartenzlingen und Vize-Generalkonsul Bormann

Wir alle wissen, dass Griechenland unruhige Zeiten erlebt. Der ausgestreckte Mittelfinger im Focus, Hakenkreuz auf das Schild des Generalkonsulats geklebt, Rufe wie „1941 bis 2011, immer der gleiche Feind“ oder gar ein zu befürchtender Angriff auf Staatspräsident Papoulias am Nationalfeiertag sprechen eine deutliche Sprache der Verärgerung, eine sehr deutliche. Auch ohne Schuldzuweisungen sind Existenzängste sehr schlechte Ratgeber. Spardiktate der Troika und wirtschaftliche Schwächen verunsichern weite Bereiche des griechischen Volkes und rufen mindestens starke Emotionen und Zukunftsangst hervor. Wie kann, wie soll bei solch Verunsicherung ein Weg in eine lebenswerte Zukunft gefunden werden?

Schnitt:

In aller Frühe versammelt sich eine hochrangige Gruppe von deutschen und griechischen Bürgermeistern, um davon nur beispielsweise Thessaloniki, Detmold, Kastoria, Paramythia, Lauf, Komotini, Neckartenzlingen aus der Vielzahl der Anmeldungen herauszugreifen. Aus Deutschland ist im Auftrag von Bundeskanzlerin Angela Merkel der Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Hans-Joachim Fuchtel, eingeflogen; er unterstreicht die Bedeutung der Zusammenkunft. Namhafte Wissenschaftler, Politiker, Verwaltungsbeamte und engagierte Privatpersonen haben den Weg in die Räume der HELEXPO gefunden. Sie alle treffen sich, um im Rahmen der Zweiten deutsch-griechischen Versammlung (DGV II) zwei Tage lang Fehler der Vergangenheit selbstkritisch zu beleuchten, aber auch – um Vieles wichtiger – gemeinsame Wege in die Zukunft zu diskutieren, aufzuzeigen und umzusetzen. Viele Themenbereiche stehen auf dem Programm der in langer und schwieriger Arbeit vom deutschen Generalkonsul Hölscher-Obermaier und seinem Team geplanten, durchgeführten und verantworteten Veranstaltung.

Unter dem Oberbegriff

„Verstehen, verbinden, vernetzen – Gemeinsam in die Zukunft“,

Von links: Dr. Sigrid Skarpelis-Sperk, Präsidentin der Vereinigung deutsch-griechischer Gesellschaften (VDGG), Giannis Boutaris, Bürgermeister von Thessaloniki, Generalkonsul Wolfgang Hölscher-Obermaier, Parlamentarischer Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel, Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Giannis Boutaris, Bürgermeister von Thessaloniki, Erster Vorsitzender des KEDE-Rats (Zentralrat der Städte Griechenlands)
Hermann-Josef Pelgrim, Oberbürgermeister Schwäbisch Hall, Rat der Gemeinden und Regionen Europas (deutsche Sektion)
Herbert Krüger, Oberbürgermeister von Neckartenzlingen, Reinhard Heller, Oberbürgermeister von Detmold

dem auch die erste illustre Runde nach der Eröffnung durch den Generalkonsul gilt, ergreifen hochrangige Gäste das Wort. Staatssekretär Fuchtel betont den Wunsch von Angela Merkel, Griechenland als europäisches Land jegliche Hilfe angedeihen zu lassen. Er berichtet von den Erfahrungen, welche Deutschland bei der Wiedervereinigung mit europäischen Programmen gemacht hat und regt an, diese Erfahrungen zur Verfügung zu stellen. Erleichtert werde auch nach der Kallikratis-Reform künftig die Zusammenarbeit von deutschen und griechischen Kommunalbehörden. Dem Wunsch des Generalkonsuls nach besserer Weiterführung der Beziehungen und Ausschöpfung aller Potenziale sagte er die volle Unterstützung der deutschen Bundesregierung zu. Gerne griffen die nachfolgenden Redner den Faden auf. Neben durchaus offenen Worten zu Fehlern der Vergangenheit betonten auch der Bürgermeister von Thessaloniki, Yannis Boutaris, der Vize-Peripheriarch der Metropolregion Thessaloniki, Apostolos Tzitzikostas, ebenso wie der Vizebürgermeister von Thessaloniki, Spyros Pengas, ihre Bereitschaft, neue Wege in die Zukunft gemeinsam mit den Partnern beschreiten zu wollen.

Danach reihten sich Themen an Themen, Arbeitgruppen an Arbeitsgruppen. Der Spannungsbogen ist groß, die Erwartungen hoch. Die DGV II hat zum Ziel, in vielen Bereichen neue Partnerschaften zwischen Griechenland und Deutschland zu initiieren.

Von „Förderung der Ansiedlung von Unternehmen“, „Abfall- und Abwasserwirtschaft“, „moderner Verwaltung“, über „Erneuerbare Energien und Energieeffizienz“, „Kultur“, bis hin zu „Tourismusförderung“ und „Katastrophenmanagement“ reicht allein die Spannweite des ersten Tages. Lebhafte Nachfragen und Diskussionen folgen nahtlos auf Vorträge von Fachleuten. Erste, teils enge Absprachen werden getroffen, Visitenkarten ausgetauscht und zahlreiche Kontakte geknüpft. Alle Unterredungen werden getragen vom Wunsch, gezielt und möglichst konkret Projekte in die Wege zu leiten. Beispielgebend sei die Ankündigung von Georgios Petridis, dem Bürgermeister von Komotini genannt, welcher mit dem Stichwort „Barrierefreier Urlaub für behinderte Menschen“ die Planungen seiner Stadt beschrieb.

Für einige Teilnehmer, u. a. Herbert Krüger, dem Bürgermeister von Neckartenzlingen, der Gemeinde mit dem höchsten Anteil an griechischen Mitbürgern in Deutschland, ist der Besuch der Gedenkstätte Chortiatis mit Kranzniederlegung ein Herzenswunsch. Hier bietet sich auch die Gelegenheit zu einem lebhaftem Gespräch mit Michalis Geranis, dem Vorsitzenden des Verbandes der Märtyrerstädte und Dörfer Griechenlands (1940-1945).

Der Samstag beginnt mit der umfangreichen Unterrichtung über die zahlreichen finanziellen Fördermöglichkeiten, welche zur Umsetzung der am Freitag bereits abgesprochenen Aktivitäten genutzt werden können. Das Plenum ist bei diesem Thema schon zu früher Stunde gut besucht. Staatssekretär Fuchtel und viele andere Redner liefern einen konzentrierten Überblick über die Möglichkeiten, Fördertöpfe möglichst effizient auszuschöpfen. Im Vordergrund stehen dabei Fragen, wie Projekte vorangebracht werden können und welchen Anteil dabei Griechenland zu leisten habe. Acht Aufgabenfelder werden benannt, deren Bearbeitung im Detail erfolgen soll.

Ohne Rettungsschirm für die Jugend wird Europa nicht zu retten sein“

Walter Bachsteffel (links), Klaus Amoneit , Geschäftsführer ’aktuelle forum nrw’ Gelsenkirchen

Heinz Kounio, Überlebender des Holocaust, ehem. Präsident der Versammlung der Jüdischen Gemeinde Thessaloniki, Eirini Georgosopoulou-Miskia, Vizebürgermeisterin Kastoria

Diese ernüchternden Worte ruft im nachfolgenden Panel „Jugendpolitik und Jugendaustausch“ der Geschäftsführer des aktuellen forum nrw (af), Klaus Amoneit, in den Saal. Es könne und dürfe nicht sein, dass etwa 40 % der Jugendlichen im südlichen Europa, in Spanien allein etwa 50 %, trotz guter Ausbildung ohne Arbeitsplatz, ja, ohne Perspektive für die Zukunft seien. Jugendliche des af führten in den letzten Monaten vier zweiwöchige Handwerksprojekte in Opfergemeinden des Epirus durch. Mit großem Erfolg für sich und für die profitierenden Gemeinden, wie die anwesende Bürgermeisterin Paramythias, Braimi-Botsi, gerne bestätigte. Wenn gelebte Erinnerung und heutige Arbeit zusammentreffen, kann jeder Jugendliche Fehler der Vergangenheit – in Griechenland auch Verbrechen des Nazi-Regimes – erkennen, begreifen und Lehren für seine Zukunft daraus entwickeln.

Von gesenktem Kopf und mangelndem Selbstbewusstsein bei der Anreise und nach durchgeführter Arbeit Abreise mit hoch erhobenem Haupt war die Rede. Jeder, der solche Metamorphosen beobachten kann – wie die beiden Berichterstatter – wird die Notwendigkeit derartiger Projekte nur bejahen können. Über die Schwierigkeiten des Jugendaustausches zwischen Griechenland und Deutschland wird ausgiebig diskutiert, sind die mannigfaltigen Probleme mit dem Wort Frontistiria (gebührenpflichtiger Nachhilfeunterricht) bereits maßgeblich beschrieben. Ohne gravierende Änderungen im griechischen Bildungssystem kann nach Meinung der meisten Anwesenden kein großer, befreiender Wurf gelingen. Wie Martin Knapp, Geschäftsführer der Industrie und Handelskammer Athen resümierte, bedürfe es in Griechenland eines neuen Bildungssystems. Griechischen Jugendlichen eine duale Berufsausbildung in Deutschland anzubieten, wird breit erörtert und als durchaus sinnvolle Möglichkeit eingestuft.

Der Gesandte der deutschen Botschaft Guy Féaux de la Croix

Der Gesandte der deutschen Botschaft, Guy Féaux de la Croix, spricht nach zwei ereignisreichenden und zukunftsweisenden Tagen ein kurzes Schlusswort. Er bedankt sich unter dem rauschenden Beifall aller Anwesenden bei Generalkonsul Wolfgang Hölscher-Obermaier für einen gelungene Kongress, beim Team des Generalkonsulats für die anstrengende, aber immer überzeugende Arbeit. Er fährt fort, dass diese zwei Tage Anlass sein sollten, über eine Institutionalisierung der deutsch-griechischen Versammlung mit eigener Verfassung zu befinden und lädt bereits zur Fortsetzung 2012 wieder nach Thessaloniki ein. Nürnberg wird dann im Jahre 2013 ein weiterer Meilenstein auf dem Weg in die Zukunft sein. Einem Weg, der durch gemeinsame Arbeit beschritten wurde und auf dem wir alle mutig weitergehen sollten. Denn, so beendete der Gesandte mit den Worten die Versammlung: „Wir wollen uns so einsetzen, dass die Griechen in ein oder zwei Jahren denken: In der Stunde der Not waren doch die Deutschen unsere besten Freunde.“