Jannis Vassiliou: Griechenland braucht einen gesunden Mittelstand

Erfolgreiche griechischstämmige Unternehmer in Deutschland.

Mit 16 Jahren verließ Jannis Vassiliou das sonnige Griechenland, um im weit entfernten Deutschland eine Ausbildung zu absolvieren. Seine Leidenschaft galt nämlich den edlen Materialien und den kostbaren Steinen. Über seinen Großvater, der in Athen Diamant-Händler war, kam Jannis Vassiliou nach Pforzheim, wo er zum Goldschmied und Gemologen ausgebildet wurde. Später wurde er selbständig und ist seit über 40 Jahren etablierter Juwelier in Bonn. In diesen vier Jahrzehnten hat er sich nicht nur bei den Bonnern einen Namen als Juwelier, Designer und Gemologe erworben. Jannis Vassiliou ist aber auch im griechischen und zyprischen Raum aktiv. Seine von Athen agierende  Firma vertritt seit 30 Jahren namhafte Schweizer Uhrenmarken in Griechenland und Zypern.

Mit Jannis Vassiliou sprach die ELLINIKI GNOMI.

Sie sind ein etabliertes mittelständiges Unternehmen in Deutschland. Gleichzeitig sind Sie in Griechenland unternehmerisch aktiv. Können Sie sich vorstellen, Ihr Unternehmen hier aufzugeben und nach Griechenland zu gehen, Pionierarbeit in der Krise sozusagen zu leisten?

Ein gut funktionierendes Unternehmen schließt man ohne zwingende Gründe nicht.

Allerdings ich betätige mich bereits seit längerem im griechischsprachigen Raum in dem ich zurzeit meinen Betrieb von hier aus unterstütze. Die Krise in Griechenland ist ein Riesenproblem fürs Land aber sie birgt auch evidente Chancen in verschiedenen Branchen und sicherlich primär nicht in der Branche, in der ich tätig bin, u.zw. der  der Luxusartikel. Griechenland braucht einen gesunden Mittelstand, so wie wir ihn in Deutschland kennen, und der der Garant für Demokratie, Wohlstand und sozialem Frieden ist. In dieser Richtung engagiere ich mich – sowohl als Vizepräsident der DHW als auch aufgrund meiner langjährigen Erfahrung in Deutschland – für einen gesunden, wettbewerbsfähigen und exportorientierten Mittelstand in Griechenland; einen Mittelstand, der evtl. zukünftig auch nach deutschem Muster ausbilden könnte. Dieses Engagement verstehe ich durchaus als Pionierarbeit.

Vor drei Jahren hat Sie die Industrie- und Handelskammer Bonn zum Botschafter für Ausbildung erkoren. Damit sind Sie als Migrantenunternehmer zum Vorbild geworden. Haben Sie das gerne gemacht?

Migranten-Unternehmen spielen für die deutsche Wirtschaft eine immer wichtigere Rolle. Rund 623.000 Migranten haben einen eigenen Betrieb. 30.000 sind griechischer Herkunft, schaffen über 100.000 Arbeitsplätze und erwirtschaften einen Jahresumsatz von ca. 10 Milliarden Euro. Zu diesem Potenzial gehöre auch ich. Als Vizepräsident der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung setze ich mich für mehr Ausbildung bei meinen Landsleuten ein. Nur schätzungsweise jeder siebte Migranten-Unternehmer bildet nämlich aus. Das ist zu wenig. Hier will die DHW Abhilfe schaffen. Oft ist der Einstieg in Ausbildung der Anfang von Professionalisierung des Unternehmens: Die Unternehmer bilden sich weiter und integrieren sich selbst und ihre Mitarbeiter in den deutschen Arbeitsmarkt. Ich bilde seit 40 Jahren in mehreren Berufen aus und weiß ganz genau, was das bedeutet. Das mache ich gerne und deshalb habe ich auch sofort zugesagt, als die IHK Bonn in dieser Sache auf mich zugekommen ist.

Vor einigen Wochen haben Sie die Bonner Rotarier eingeladen, über die Lage in Griechenland und Zypern  infolge der Wirtschaftskrise zu berichten. Was haben Sie ihnen gesagt?

Wie Sie sicherlich wissen, treffen sich die Rotarier allwöchentlich und diskutieren über ein besonderes Thema. Ich wurde gebeten, ein Bild über die wirtschaftliche und soziale Lage im Griechenland der Krise zu geben. Ich muss zugeben, das ist mir nicht leicht gefallen. Denn die Situation ist wirklich sehr schwierig und unerfreulich. Und es gibt viele Missverständnisse im deutsch-griechischen Verhältnis. Sicherlich gibt es Vieles, was in Griechenland geändert und reformiert werden muss. Aber in Deutschland gibt es nur sehr wenige, die wissen, dass die Krise im Süden Europas größtenteils eine Bankenkrise gewesen ist. Ein Großteil des Geldes, das Deutschland und die anderen Geberländer Europas im Süden reingepumpt haben, ist auf den Konten der Deutschen Bank und der Crédit Agricole, die sich verspekuliert hatten, gelandet. Das musste ich meinen rotarischen Freunden eröffnen. Darüber hinaus habe ich auch etwas über „german statistics“ erzählt, was viele gewundert hat. Man kennt nur „greek statistics“. Mit „german statistics“ meine ich den buchhalterischen Umgang mit den Kosten der Deutschen Einheit. Diese liegen bei etwa 2 Billionen Euro. Würde man sie im normalen Haushaltsplan Deutschlands erfassen, hätte Deutschland niemals in den letzten zehn Jahren die Maastrich-Kriterien erfüllt. Deshalb hat man ein geniales Verfahren erfunden: Man hat einen „Fonds Deutsche Einheit“ ins Leben gerufen und hat diese Kosten darüber abgewickelt. Und das haben alle EU-Partner, auch Griechenland, respektiert und still gehalten.

Andererseits sind sicherlich auch die Menschen vor Ort nicht ganz unschuldig.  Man hat jahrzehntelang der Korruption freien Lauf gelassen, weil man selbst davon gut profitierte.

Es ist wichtig zu vermitteln, dass alle Europäer in einem Boot sitzen und Solidarität ein sehr hohes Gut im gemeinsamen Haus Europa ist. Beim Aufbau der EU gibt es halt einen Webfehler, das ist der Finanzmarkt. Das nächste Europäische Parlament wird die große Aufgabe bewältigen müssen, in dieser Sache korrigierend zu wirken und den Finanzmarkt zu regeln.

A propos nächstes Europäisches Parlament. Die nächsten Europawahlen sind im Mai 2014. Viele in Deutschland meinen, diese Europawahl sei viel wichtiger als die Bundestagswahl 2013. Sehen Sie das auch so?

Absolut. Die Politik in Deutschland ist stabil und wird auch nach der nächsten Bundestagswahl stabil bleiben. Was die Europawahl angeht, da sind viele skeptisch und das mit Recht. In vielen europäischen Ländern haben wir wegen der Krise eine stetig stärker werdende antieuropäische Stimmung. Es wird überall Politiker geben, die diese antieuropäische Stimmung ausnutzen werden, um auf Stimmenfang zu gehen. Darunter befinden sich viele extreme Parteien. Eine große Gefahr u.a. ist die Goldene Morgenröte in Griechenland. Nach aktuellen Umfragen liegt sie bei 11 bis 13 %. Bei der Europawahl könnte sie 15% bekommen. Das ist eine Katastrophe. Faschisten und Nazis haben im europäischen Parlament nichts zu suchen. Wir müssen mit allen Mitteln Aufklärung und Information betreiben und den Wählern die Vorteile, Chancen und Perspektiven Europas für die nächsten Generationen aufzeigen. Das ist eine sehr große Herausforderung für alle Befürworter einer starken EU.

Im Dezember 2012 sind Sie vom nordrhein-westfälischen Justizminister zum Handelsrichter beim Landgericht Bonn ernannt worden. Fühlen Sie sich geehrt?

Gewiss fühlt man sich geehrt. So etwas passiert nicht jeden Tag und zeugt von der Seriosität, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Integrität eines Unternehmers, dem solch ein Amt übertragen wird.  Handelsrichter urteilen nicht als Laienrichter, sondern als Fachrichter auf Grund von berufsspezifischer Qualifikation. Die Handelsrichter in Deutschland nehmen an den mündlichen Verhandlungen und Abstimmungen mit den gleichen Rechten teil wie der Vorsitzende. Sie erhalten hierfür weder Dienstbezüge oder Sitzungsgeld. Es ist eine reine ehrenamtliche Tätigkeit. Ich empfinde das als große Ehre, dass mich die IHK Bonn hierzu vorgeschlagen hat, und danke dem Justizminister für die entsprechende Ernennung.

Eine letzte Frage: Neben all Ihren Aktivitäten sind Sie seit vielen Jahren Vizepräsident der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung. Was haben Sie davon?

Ich habe die DHW 1993 bewusst mit gegründet. Seitdem entwickelt sich die DHW noch besser als wir es damals uns vorstellen konnten. Innerhalb der 20 Jahre ihrer Existenz hat sie sich rasant nach oben entwickelt. Sie gehört zu den Spitzenorganisationen der griechischen Diaspora in Deutschland, ist ständiger Gast bei den alljährlichen Integrationsgipfeln und dem Integrationspolitischen Dialog im Bundeskanzleramt, ist Mitglied des Nationalen Integrationsplans, begleitet Bundesminister bei ihren Delegationsreisen nach Griechenland, ist Ansprechpartner von Kammern und Verbänden, wie dem BDI, dem DIHK oder dem ZDH, u.v.m. Die DHW ist aus dem deutsch-griechischen Wirtschaftsgeschehen heute nicht mehr weg zu denken. Wir wachsen seit zwanzig Jahren qualifiziert weiter und in den letzten Jahren finden zu uns immer mehr junge, erfolgreiche und gut etablierte Unternehmer, Selbständige und Manager aus ganz Deutschland. Nur so kann eine starke Interessenvertretung entstehen, die nicht nur gegenüber der Politik in Deutschland und Griechenland ihre Stimme erheben kann sondern auch einen wichtigen gesellschaftspolitischen Beitrag leistet. Denken Sie hier an die DHW-Projekte der letzten sechs Jahre. Im Rahmen dieser haben wir Tausende von Schülern, Eltern, Lehrer und Multiplikatoren über die berufliche Bildung informiert, Unternehmer zu Ausbildern motiviert, in Betrieben mit Inhabern griechischer Herkunft Hunderte von neuen Ausbildungsplätzen geschaffen, etc. In den letzten drei Jahren informieren und beraten wir tagtäglich Neumigranten aus Griechenland, die im deutschen Arbeitsmarkt ihr Glück suchen. Das alles wäre ohne die DHW nicht möglich gewesen. Und noch ein letztes Wort: Durch die DHW und ihre Kooperationen mit vielen deutschen und griechischen Unternehmerorganisationen habe ich interessante Menschen aus allen Branchen und Berufszweigen und viele Deutsch-Griechen aus allen Teilen Deutschlands kennen gelernt. Mit vielen davon existieren inzwischen gute Freundschaften auch unter den Familien. Das ist der kulturelle und gesellschaftliche  Mehrwert solch eines bundesweiten Netzwerkes.

 

vassiliou1