Buchvorstellung

Erinnerung für eine gemeinsame Zukunft
Kefalovriso – Mousiotitsa – Kommeno – Paramythia – Ligiades

Walter Bachsteffel – Sylvia Löser

Zwei Buchbände: Griechisch und Deutsch
Paramythia 2009
221 / 222 Seiten, kaskarvu@otenet.gr

Erinnerung für eine gemeinsame Zukunft

Kostas Trachanas
Aus dem Griechischen: Dionysia Mini

Das Jüngste Gericht, zusammen mit den bestialischen Taten der Nazi, beansprucht den gar nicht beliebten Titel des absoluten Verbrechens gegen die Menschlichkeit, welches die westeuropäische Kultur nachweisen kann. Offenbar überbietet sich das Jüngste Gericht auf Dauer und Ausmaß, da es unverfroren Verbrechen begeht mit Gottes Segen, mit der Macht des Papstes und des Staates, einer unschlagbaren und sehr ”gesunden“ Heiligen Dreifaltigkeit …

Deutschland war nach Bismarck das Land mit der besten Bildung der Welt, der besten öffentlichen Dienste, mit den begabtesten Denkern, Philosophen, Künstlern, mit einem System der sozialen Versicherung, revolutionär für die damalige Epoche. Aus welchen Grund wohl hat diese Nation zweimal in der ganzen Welt Blut vergießen lassen? Einmal folgten sie blind einer Bestie (dem Kaiser) und zum zweiten Mal einem wahnsinnigen, aber charismatischen Volkspolitiker, Hitler, der seine paranoiden Parolen über den „Lebensraum“ der „Übermenschen“ des Arierstammes schwang und der ebenfalls irrsinnigen Revanche für die Erniedrigung Deutschlands beim Versailler Vertrag.

Wie war es möglich, dass das Volk der Dichter und Komponisten, wie Goethe und Schiller, aber auch Bach und Beethoven, zu solchen unwürdigen Machenschaften in der Lage war. Wie hat es Deutschland geschafft, das Land des Wissens und der Technik, eines der größten Verbrechen der Geschichte und der Menschheit zu begehen? Welche Moral entschuldigt diese Taten der deutschen Nazis des 2.Weltkrieges? Warum Krieg? (Γιατί ο Πόλεμος;)

Wenn wir der Bibel Glauben schenken, so beginnt die Geschichte der Menschheit mit schlechten Ereignissen. Das erste Paar, welches Gott selber nach seinen Ebenbild erschuf, gehorchte nicht seinen Anweisungen. Das war die erste Sünde. Darauf folgend wurde alles schlimmer. Was gebar dies Paar? Zwei Brüder, von denen der eine der Mörder des anderen wurde.

Kain, war der erste Mörder der Geschichte – der Katalog seiner Nachfolger ist unendlich. Das Verbrechen wiederholt sich, die Gründe dafür reproduzieren sich. Die Menschen sind kriminell …

Woher kommt wohl die Leidenschaft zum Unterschied, zur Gegenüberstellung? Vielleicht begann alles mit der Schilderung der Urentstehung ? “Gott ernannte das Licht zum Tag und die Dunkelheit zur Nacht”. Danach haben wir immer wieder aufeinanderfolgende Unterscheidungen: die Geschlechter, die Völker, die Sprachen.

Folglich hat der Hass mittels der Zwietracht freien Lauf.

Woher kommt die Leidenschaft für das Böse, diese Anziehung für das Schlechte?

Wir müssen die Realität erkennen. In Wirklichkeit gibt es kein “auswurzeln” des Bösen. Mit anderen Worten, das Urgefühl unserer Seele kann sich nicht zivilisieren, es kann wiederkommen. Es existiert, neben uns und mit uns, zusammen mit allem was sich zivilisiert, in der Geschichte der Menschheit oder im Verlauf der Entwicklung einer Person. Deshalb gibt es Wiedererscheinungen des Bösen auf der Welt in seiner katastrophalsten Version. In Form von weltweiten Auseinandersetzungen ( 1. und 2. Weltkrieg) oder Konflikten zwischen Staaten (Griechenland-Türkei, USA-Jugoslawien, USA-Irak-Afghanistan), Religionen und Kulturen.

Sehr richtig formulierte Baudelaire:

„Und doch, seit unzählbaren Jahrhunderten
kämpft ihr ohne Erbarmen und Gewissensbisse.
Ihr liebt so sehr den Tod und die Schlacht.
O ewige Kämpfer, o skrupellose Brüder!!“

Vielleicht kann man die menschliche Art nicht eines Besseren belehren? Vielleicht ist ein dauerhafter Frieden eine Sache von Träumerei ?

Wird wohl der Krieg für immer überwiegen? Ein Krieg geht zu Ende, ein anderer folgt. Der Krieg endet nie. Der Krieg ist überall.

Es ist eine Frage der Macht. Wer herrscht über die ganze Welt. Heute sind das die Amerikaner, gestern waren es die Deutschen, morgen sind es die Chinesen. Entscheidet euch für eine Dynastie und rebelliert.

Wird für immer die Leidenschaft zur Katastrophe, das Schlechte, alles erotische, menschliche, die Liebe und den Frieden unterdrücken?

Wir müssen die Kraft des Wissens benutzen, um der Gesellschaft zur helfen. Nicht nur unserer, sondern der ganzen Welt. Lasst uns an die Worte des Dichters John Donne errinern: „Niemand ist eine Insel“. Es sind vierhundert Jahre vergangen seit er diese Worte schrieb, aber seine Verse klingen immer noch echt. Wir sind alle Teil eines Kontinents, und jeder ist abhängig vom anderen.

Diese Worte klingen schön, aber was kann ich alleine tun, um den Krieg zu verhindern und das Elend der Menschen zu lindern? Ich bin nichts anderes als ein einzelnes Rad an einem komplizierten Mechanismus. Niemand ist nicht so unnütz, dass er die Welt nicht verändern kann. Ein einfaches Flattern eines Schmetterlings in Brasilien kann in Texas einen Windsturm auslösen. Außerdem ist die Menschheit nicht so dunkel, es gibt immer noch die Möglichkeit der Verbesserung. Wir müssen der Zukunft mit Courage und Optimismus entgegen kommen! Aber auf jeden Fall, müssen wir unsere Persönlichkeit und Würde beibehalten. Wir sollten immer daran denken, dass es nur einen Weg des Glücklichwerdens gibt: Den, der auf der echten und tiefen Liebe zu unseren Mitmenschen basiert.

Wir glauben nicht an die Brüderlichkeit, die Brüderlichkeit von Natur aus. Wir bezweifeln ob brüderliche Gesellschaften existieren. Glauben aber an die Kollegialität unter den Mitmenschen.

Wir glauben nicht, dass das Paradies auf Erden möglich ist in der heutigen Situation. Wir wollen auch keine ganz gerechte Gesellschaft. In einer solchen Gesellschaft gibt es keinen Pluralismus, keine Auseinandersetzung oder Politik.

Wir glauben an unsere persönliche Moral. Sokrates Worte ”Ich ziehe eher Unredlichkeit vor, als sie selber zu begehen“ zeigen, dass jeder ein guter Mensch sein will.

Das Buch „Erinnerung für eine gemeinsame Zukunft“ kommt, um uns an den Krieg zu erinnern, an die Epoche der deutschen Besetzung und des Holocausts. Um uns an die schrecklichen Taten der deutschen Besatzer in den fünf Märtyrerdörfern und -städten zu erinnern: Kefalovriso – Mousiotitsa – Kommeno – Paramythia – Ligiades.

Am 9.Juli1943, dringt die 1. Division der 22. Gebirgsarmee des deutschen Militärs über Albanien in Ipirus ein und beginnt sofort sein vernichtendes Unternehmen. Während ihres Weges durch Ipirus folgt ihnen eine rote Blutspur, welche am 10. Juli in Kefalovriso beginnt, dort haben die Deutschen 22 Bewohner lebendig verbrannt. Es folgte am 29. Juli Mousiotitsa mit 153 Toten, Männern und Frauen, danach ein schrecklicher Höhepunkt am 16. August in Kommeno, dort gab es 317 Opfer, die meisten davon Frauen, Kinder und Ältere. Es folgt am 29. September Paramythia mit 75 toten Einwohnern und zum Schluss am 3. Oktober Ligiades mit 82 Toten.

In dem Buch über diese Holocausts gibt es viele Vorträge, Interviews und Artikel von A. Gotovou, X. Kosma, E. Kourmantzi, E. Leondi, G. Magaki, P. Tsamatou, J. Richter, W. Schultheiss, K. Lohr und B. Faulenbach.

Die Autoren Walter Bachsteffel und Sylvia Löser ordnen und unterteilen die Abschnitte, die sich auf die Märtyrerdörfer beziehen, so, dass jeder Leser die tragischen Geschehnisse besser verstehen und miteinander vergleichen kann. Die Autoren vertiefen mit Umsicht und Feinfühligkeit die Angelegenheit der Gedanken und des Gedenken. Ihr Buch hält ein tiefes seelisches Gefühl fest, so das die Geschehnisse auch mit uns in Verbindung kommen durch die Fragen, die wir stellen, mit unseren Ideen und Bedürfnissen, bezüglich unserer Identität, sie helfen uns in unserem Leben neue Wege der Kommunikation zwischen deutschen und griechischen Bürgern zu öffnen.

Dieses Werk versammelt ein beeindruckendes und vielfältiges Bild dieser Periode, bietet ein wertvolles, aber auch extrem reizendes Instrument für den Fachmann, zusätzlich entwickelt es auch einen Pfad beim Leser, der mehr über die vielfältigen Facetten dieser tragischen und labyrinthähnlichen Periode erfahren will.

Die zwei Bände bieten umfassend eine Illustration von historischen und anderen Materialien, seltene Fotos, Manuskripte, deutsche Dokumente, Tabellen und natürlich Artikel und Berichte, die in der zweisprachigen Zeitung „O Doriforos“ aus Igoumenitsa von E. Pasia veröffentlicht wurden.

Es lohnt sich, die bewegende und ehrliche Rede des deutschen Botschafters W. Schultheiss zu erwähnen: „Es ist unsere Pflicht aus unserer Vergangenheit zu lernen. Ich glaube dass wir, die Deutschen, es schon getan haben. Ich glaube, wir haben uns sehr gut von der Geschichte lehren lassen. Jetzt ist die Zeit gekommen, die Zukunft zusammen zu verändern, etwas was wir in einem idealen Rahmen verwirklichen: dem der Europäischen Union. Wir tun es, ohne unsere Vergangenheit zu verleugnen. Man kann uneins sein, ob wir das Recht dazu haben, uns bei den Opfern zu entschuldigen. Aber ich kann euch versichern, und das ist meiner Ansicht nach das Wichtigste, dass wir unsere Verantwortung für die Vergangenheit anerkennen und mit euch trauern …”

Seit den tragischen Monaten 1943 sind 68 Jahre vergangen und durch das Buch „Erinnerung für eine gemeinsame Zukunft“ ergibt sich die Gelegenheit für uns, die Hingerichteten aus den fünf Märtyrerdörfern und -städten hochachtungsvoll zu ehren. Sie verloren ohne Grund, mit Gewalt und auf barbarischem Wege ihr Leben, durch die verbrecherischen Taten der Soldaten nazistischer Besetzung, im Namen einer Ideologie, welche viel Elend, viel Schmerz und viele Katastrophen in Griechenland mit sich brachte: Die Ideologie des Nazismus und des Faschismus.

Letztendlich brauchten die Deutschen zwei Generationen, um von ihrer Vergangenheit relativ unparteiisch zu reden und um von den Seelen der Opfer Verzeihung zu erbitten. Dieses Grauen und Leid haben gemeinsame Versuche gestartet für ein vereintes und friedliches Europa und generell für den Respekt der Menschenrechte weit und breit auf der Erde.

Von dort oben, wo sich die Seelen der zu Unrecht getöteten Mitmenschen ausruhen, verlangen sie von uns nur dies: wir sollen sie nie vergessen, wir sollen uns daran erinnern, dass sie von den Vollstreckern der nazistischen militärischen Maschinerie ermordet wurden, und dass ihre Hinrichtung eine feige und schmachvolle Tat für jeden militärischen Ehrenkodex ist. Es ist unsere Pflicht, nicht nur gegenüber unseren Soldaten, sondern auch für die Geschichte unseres Landes dies nicht zu vergessen.

Wir Griechen glauben an das wahre Gesicht Deutschlands, welches repräsentiert wird von Bach, Bethoven, Hegel, Marx, Goethe, Hölderlin, Wilamovitz, Thomas Mann und von all den Großen der weltweiten Kultur, welche diese große Nation im Gegenzug vorführen kann. Dieses Land lieben wir.

Die deutschen Autoren Walter Bachsteffel (Techniker) und Sylvia Löser (Politologin), leben seit 12 Jahren in Karvounari/Paramythia und sind freie Mitarbeiter der zweisprachigen Zeitung „O Doriforos“ aus Igoumenitsa.