Teil 1: Das Denkmal

Von Sylvia Löser und Walter Bachsteffel

Es regnet. Nein, es gießt. Egal, eine alte deutsche Gärtnerweisheit sagt: „Regen zwischen neun und zehn, kannst du getrost nach Hause gehen“! Wir gehen nach Hause. So man noch gehen kann, mit zwei Kilo Matsch an den Schuhen. Dabei hat alles so gut angefangen.

Also, zurück zum Anfang.

Am Samstag reisten sie an. Neun Jugendliche, eine Sozialpädagogin und Hans Hitzler, der Leiter der Arbeitsgruppe. Müde entsteigen sie in Preveza dem Flugzeug und machen sich auf den Weg nach Arta, ins Hotel Kronos. Sie wissen, dass am Sonntag die Arbeit ruft. Im Auftrag des ‘aktuellen forum’, einer Organisation im deutschen Nordrhein-Westfalen übernahm der TÜV Nord (Bildung) Bergkamen die Aufgabe, in der während des Zweiten Weltkrieges schwer geprüften Gemeinde Kommeno nahe dem Friedhof der 317 Ermordeten eine große Fläche neu zu gestalten.

„So viel Regen in Griechenland. Wir hatten schon 29 Grad. Ich will Baden, aber bei dem Wetter? Ich will arbeiten. Wann fangen wir an?“ Enttäuschung macht sich breit.

„Gemach“, sagt Landschaftsarchitekt Hans Hitzler, den wir schon bei einem Handwerksprojekt in Kefalovriso kennen lernten, „Wir schauen uns die gelieferten Pflanzen an, schlagen sie leicht in Erde ein, wässern und vermessen noch das Gelände. Morgen kann es dann ohne Regen richtig losgehen.“

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Nach diesem Motto ist um 8.30 Uhr Abfahrt zur Baustelle. Vorher schnell noch Unmengen von Wasserflaschen gekauft, denn der heutige Tag soll warm werden. Von verschiedenen Seiten beginnt dann die Detailvermessung des riesigen Grundstückes, auf dem später das Denkmal und der Bibelwald stehen sollen. Hans Hitzler teilt die Arbeiten ein. Dann heißt es schon wieder Platz zu machen, da der Traktor mit der Fräse anrollt. Alle schauen gebannt zu, wie der trockene Boden bearbeitet wird. Danach werden die angelieferten Bäume und Büsche nach festgelegtem Plan über das Gelände verteilt. Heute kann man sich noch wenig von der zu erwartenden Schönheit vorstellen, auch nicht, wie das großartige Projekt innerhalb von zwei Wochen umgesetzt werden kann. Da gibt es von Tag zu Tag noch viel zu tun, aber jeder Arbeitstag bringt dem Ziel näher.

Interessiert verfolgen viele Bürger Kommenos den Fortgang. Ob mit dem Auto, dem Moped oder zu Fuß, Vorbeikommende stellen Fragen und erwarten Erklärung. Selbst die Polizei schaut immer wieder vom Straßenrand zu, was es zu graben gibt. Ist wohl Schatzgräberei angesagt? Es sind nur Bäume, sie kann beruhigt abziehen.

Reizende Menschen bringen den Jugendlichen Berge von Orangen, selbstgebackene Pittes, Cappuccino oder Cola. Grosse Anteilnahme wird sichtbar. Sie zeigt, dass die Bürger Kommenos keine Berührungsängste vor der dritten Generation des ehemaligen Feindes mehr hat.

Die Bürgermeister Kosmas und Mitsos verbreiten gute Laune, sie fragen, ob sie behilflich sein können. „Habt ihr alles für eure Arbeit, was soll für den nächsten Arbeitsschritt geliefert werden?“ Sehr hilfreich erweisen sich auch der perfekt deutsch sprechende Aristotelis wie auch Stadtratsmitglied Wassili.

So entstehen nach und nach die Sichtschutzhecke, der Betonsockel für das Denkmal, werden die Marmorblöcke aufgeschichtet und verteilt, die hohen Bäume eingegraben und rund um das Denkmal die Pflasterung vollendet.

Dann heißt es wieder: „Lasst uns nicht im Regen stehen“. Es gießt in Strömen. Also Kleidung wechseln und in Ioannina in der Höhle von Perama den Regen vergessen. Auch das Freizeitprogramm darf nicht zu kurz kommen. Arta, Ioannina, Zalongo, Nikopolis, Koronisia, es gibt viel zu sehen. An schönen Tagen wird auch das Strandleben von Loutsa oder Monolithi genossen.

Langsam drängt die Zeit. Alle möchten trotz Regens eine fertige Arbeit vorstellen können. Deshalb ein kurzer Stopp in Neochori und einige Pakete großer Müllsäcke angeschafft. Trotz schlechten Wetters wird viel über die neue Moderichtung „Müll“ gelacht und lässt den Matsch an den Schuhen vergessen.

Denn morgen soll zum großen Abschlussabend das Denkmal fertig sein und den Bürgern Kommenos zum Geschenk gemacht werden. Nicht, um grausige Ereignisse vergessen zu machen, sonder um im Gegenteil die Erinnerung daran aufrecht zu erhalten. Wer könnte dies besser, als die Jugendlichen mit ihrer Arbeit in Kommeno?

→ Über den Abschlussabend, Stellungnahmen und Reden berichten wir in einer der kommenden Ausgaben.