VonSylvia Löser – Walter Bachsteffel
Auf einem kegelförmigen Hügel von 624 Meter Höhe, einem Ausläufer des Taygetos, liegt ungefähr 6 Kilometer vom antiken und heutigen Sparta entfernt, die Ruinenstadt von Mistra. Sie breitet sich auf zwei Ebenen aus, am Fuß und in halber Höhe des Hügels, beschattet von der stolzen Burg, welche die Franken auf dem Gipfel erbauten. In der Tiefe erstreckt sich das farbenprächtige Eurotastal.
So viele Jahre stand verlassen das Talgebirg,
das hinter Sparta nordwärts in die Höhe steigt,
Taygetos im Rücken, wo als muntrer Bach
herab Eurotas rollt und dann, durch unserTal
an Rohren breit hinfließend, eure Schwäne nährt,
dort hinten still im Gebirgtal hat ein kühn Geschlecht
sich angesiedelt, dringend aus cimmerischer Nacht,
und unersteiglich feste Burg sich aufgetürmt,
von da sie Land und Leute placken, wie´s behagt.[1]
Mistra ist mit keiner anderen byzantinischen Stadt, die ihren mittelalterlichen Charakter bis in unsere Tage bewahrt hat, zu vergleichen. Im ‘byzantinischen Pompeji’, wie die Stadt oft genannt wird, blieben die Burg, das alte Straßenpflaster, Mauern, Paläste und Kirchen, zahllose Kapellen und sogar einige Privatwohnungen erhalten. Hier vor Ort wird die 1249 n. Chr. begonnene Geschichte der Stadt sehr lebendig.
Der wichtigste Zeuge dieser Geschichte ist die in Versform verfasste Chronik von Morea. Aus ihr erfahren wir, dass der Herrscher von Achaia, der fränkische Fürst Wilhelm II. Villehardouin „einen wunderbaren Hügel erblickte“, Teil eines Berges, auf dem er eine prächtige Burg, „ein großes Bollwerk“ errichtete (Anm. d. Autoren: Myzethras, das spätere Mistra).
Der Herrschaft der fränkischen Ritter war dennoch nur kurze Zeit beschieden.
Bereits zehn Jahre später, 1259, nach der verlorenen Schlacht bei Pelagonien in der Nähe des nordgriechischen Kastoria, wurde Wilhem II. Villehardouin von Michael Paläologos gefangen genommen. Michael, der Gründer der Paläologen-Dynastie, eroberte Konstantinopel von den Lateinern zurück. Er wurde als Michael VIII, zum Kaiser des byzantinischen Reiches gekrönt und erhielt 1262 im Gegenzug zur Freilassung des Wilhelm II. von diesem die strategisch wichtigen Stützp
unkte auf der Südpeloponnes: Monemvasia, Mani, Geraki und Mistra.[2]
Während der byzantinischen Zeit kam zunehmend die geistige und soziale Elite nach Mistra. Sie besaß die erheblichen finanziellen Mittel, um aus der Kapitale Konstantinopel erstklassige Künstler anzulocken, die sich gerne fernab des Hofes und der Hauptstadt am Rande des Taygetos-Gebirges niederließen und der aufstrebenden Stadt besonders in der Blütezeit ab 1348 unvergängliche Werke hinterließen.
Aber wieder ließ der Abstieg nicht sehr lange auf sich warten.
Mistra ging trotz aller Elite oder gerade deswegen unweigerlich seinem Ende entgegen. Das Ende wurde beschleunigt durch die Familienstreitigkeiten der letzten Palaiologen, die nicht einmal davor zurückschreckten, die Türken um Beistand zu bitten, um ihre persönlichen Differenzen mit Feindeswaffen auszutragen. Im Jahre 1460 schlug die Todesstunde von Mistra, als Sultan Murat II. seinen Siegeszug durch die Peloponnes begann.
„Damit war das brillante, abenteuerliche Kapitel des politischen und geistigen Mittelpunktes des untergehenden Kaiserreiches, des unvergleichlichen Zentrums des mittelalterlichen Hellenentums unwiderruflich abgeschlossen. Dennoch mangelte es nicht an erschütternden Augenblicken nach dem Fall Konstantinopels: Aufstände der Einheimischen gegen die Türken; ein blitzartiger Angriff des Fürsten von Rimini, Sigismondo-Pandolfo Malatesta, der als einzige Beute die sterblichen Überreste des Plethon, »des Prinzen unter den Philosophen seiner Zeit«, mitnehmen sollte, um sie in einem herrlichen Sarkophag vor der Kirche San Francesco in Rimini[3] beizusetzen; die Eroberung durch die Venezianer und mündend schließlich in die bildhaften Wanderungen des Sinnsuchers Faust, seine Hochzeit mit der schönen Helena, die ihm einen Sohn mit dem beziehungsreichen Namen Euphorion schenkte.
Helena
Liebe, menschlich zu beglücken
Nähert sie ein edles Zwei
Doch zu göttlichem Entzücken
Bildet sie ein köstlich Drei.
Faust
Alles ist sodann gefunden;
Ich bin dein und du bist mein;
Dürft´ es doch nicht anders sein! [4]
Diese Geschichte entsprang der erobernden Phantasie eines deutschen Dichterfürsten, der nach aller Kenntnis nie in Griechenland, geschweige am Taygetos, reiste. Die endgültige Eroberung gelang der Vegetation, die sich auf dem Hügel von Mistra ausdehnt, ohne von modernen Bauten verdrängt zu werden.“
Wenn wir heute das archäologische Gelände in seiner gesamten Schönheit bewundern, diesen Einklang von wechselnder und auch beendender Geschichte, Kunst und Natur, diesen „Vulkan der Geschichte“[5], sind wir nur leicht irritiert durch deutsche Philologen, welche eifrig aus Goethes Faust II zitieren. Gönnen wir ihnen diese Aneignung, lassen wir lieber Bilder sprechen.
[1] Goethe, Faust II, Vers 8995 ff
[2] Zitiert nach: Doula Mouriki, „Mistra“ in Evi Melas (Ed,) „Alte Kirchen und Klöster Griechenlands“, Du Mont, S.198 f
[3] Zitiert nach Doula Mouriki, „Mistra“ in Evi Melas (Ed,) „Alte Kirchen und Klöster Griechenlands“, Du Mont, S. 225
[4] Dialog Helena – Faust, aus Goethe, Faust II, Vers 9700 f
[5] Maurice Bressos, französischer Journalist und Romancier, „Le Voyage de Sparte“, 1906







