Die Kunstseiden-AG oder kurz KUAG, die innerhalb der Glanzstoff-Gruppe auf dem Gebiet der Garnveredlung und Zwirnerei arbeitete, und in Schwalmtal über Jahrzehnte die Wirtschaft dominierte und Hauptarbeitgeber der meisten hier ansässigen Familien war, spezialisierte sich Ende der 50er Jahre auf die Herstellung von Nylon-Kräuselgarnen, welche einen enormen Profit und großen Marktanteil deutschlandweit im ständig wachsenden Kräuselgarngeschäft verhießen.

Man expandierte im Werk Waldniel, kaufte die dazu benötigten Falschdrahtmaschinen und warb um Arbeitskräfte. Zunächst jedoch relativ erfolglos, denn das deutsche Wirtschaftswunder war bereits in vollem Gange und es gab kaum noch arbeitssuchende im eigenen Land.

Größere und kleinere Unternehmen aller Branchen waren schon längst auf „Gastarbeiter“ angewiesen, und Deutschland schaute sich nach jungen gesunden arbeitswilligen und starken Menschen europaweit um.

So beschloss man sich auch in Griechenland umzusehen und am 30. März 1960 wurde zwischen Deutschland und Griechenland ein „Anwerbeabkommen“ unterschrieben, womit die Tore der Arbeitsmigration der Griechen nach Deutschland geöffnet wurden. Etwas über 2 Millionen Griechen durchwanderten im Laufe der 5 Jahrzehnte dieses Land, heute leben hier nur noch etwa 350.000 von ihnen.

Auch Kuag profitierte von diesem Abkommen: Der erforderliche Arbeitskräftebedarf wurde zügig überwiegend durch „Kettenwanderungen“, also durch Anwerben von ganzen Gruppen von Menschen aus ein und dem gleichen Ort, gedeckt und nach und nach wuchs der Anteil der angeworbenen Griechen vor Ort auf etwa 40% der Gesamtbelegschaft.

Die ersten Arbeitskräfte waren 20 Frauen aus dem Dorf Prosotsani der Präfektur Drama, die mit ihrer „grünen Karte“, die ihre “Arbeitstauglichkeit“ attestierte in der Hand haltend am 8. August 1960 mit einem Bus in Waldniel ankamen.

Ihnen folgten ca. 3.000 weitere junge gesunde Arbeiter, die meist nur sehr wenige Jahre blieben, jedoch maßgeblich das Alltagsbild der Waldnieler Bürger mitprägten, besonders an Sonntagen, an denen sie frei hatten und sich zum Plaudern auf dem Markt um den großen Baum einfanden.

Erwartungsgemäß bildeten sich schon in Kürze Freundschaften und Liebesgeschichten untereinander und es wurde geheiratet wie am laufenden Band. Familien entstanden und man erkannte, dass der Aufenthalt in der Fremde wohl länger andauern würde als gedacht. Die Kinder wuchsen heran und man sorgte für die Wahrung der Traditionen, der Kultur, Religion und Bildung.

Das griechische Arbeitsministerium entsandte „Griechische Kommissionen“ in deutsche Großstädte. Diese wurden mit der Betreuung griechischer Arbeitsmigrantinnen und –Migranten vor Ort beauftragt. Botschaften und Konsulate wurden mit Personal stärker besetzt, es folgten Geistliche und Lehrpersonal.

Eine Kirchengemeinde sowie auch muttersprachlicher Ergänzungsunterricht waren von Anfang an auch in Waldniel das zentrale Anliegen aller hier lebenden Griechen, was bis heute ohne Unterlass Priorität Nummer 1 auch für die mittlerweile nur ca. 200 Griechen, die noch hier leben, ist.

In all diesen Jahren geschah völlig selbstverständlich und ohne offizielle Führung Integration, lange bevor man diesen Begriff in aller Munde und an der Tagesordnung der Politik bringen musste. Aus diesem Grunde möchten die hier lebenden Griechen unter der Schirmherrschaft des Bürgermeisters der Gemeinde Schwalmtal Hr. Reinhold Schulz und im Beisein sowohl des griechischen Generalkonsuls NRW Hr.Prodromos Markoulakis, sowie eines Vertreters des kirchlichen Oberhaupts der griechischen Orthodoxen in Deutschland Priester Panagiotis Tsoubaklis, des vom griechischen Konsulat bestellten Schulrats der griechischen Schulen NRW Hr. Asterios Banoussis, des Vorsitzenden der Gesellschaft Griechischer Autorinnen Deutschlands Hr. Michalis Patentalis und des eigens für diese Feierlichkeit aus Griechenland eingeladenen Ehrengastes Textil-Ingeneurs Hr. Spyridon Profitis, der 30 Jahre lang die Griechen in Schwalmtal in allen Angelegenheiten betreute und begleitete, dieses fruchtbare Jubiläum am 20.11.2010 gemeinsam mit Ihnen Allen im Bürgerhaus-Waldniel am Markt feiern.

Zum Programm:

14:00 Ansprache und Begrüßung des Bürgermeisters (Reinhold Schulz)

14:15 Kurzer historischer Rückblick der Präsenz und Wirkung der Griechen in Schwalmtal (Spyridon Profitis)

15:00 Vortrag von Texten mit Thema multikulturelles Miteinander (Schüler der griechischen Schule in Waldniel)

15:30 Vorführung griechischer Volkloretänze (Schüler des griechischen Tanzvereins „Hellas Waldniel“)

16:00 Schauspieler, Gastwirt, Sänger, Poet und Architekt Kostas Papanastasiou alias Panagiotis Sarikakis von der „Lindenstraße“ singt Lieder der Migration von Manos Hatzidakis und Mikis Theodorakis

17:00 Vorführung einer Videoaufnahme des Theaterstücks „Der Münchner Bahnhof“, der ersten Anlaufstelle der ersten Migranten in Deutschland in Anwesenheit der Schritstellerin Eleni Tsakmaki

Ausserdem:

  • Fotoausstellung mit Bildern der ersten „Gastarbeiter“ in Waldniel
  • Bücherstand mit griechischer Literatur in deutscher und griechischer Sprache der Verlage „Romiosini-Verlag Köln“ und „Größenwahn-Verlag Frankfurt“
  • Stand mit repräsentativer Auswahl griechischer Feinkost
  • Cafeteria mit Erfrischungsgetränken, Kaffee und Kuchen während der gesamten Veranstaltung geöffnet
  • Teile der Veranstaltung werden im Rahmen des Deutsch-Griechischen Radiomagazins „Radiopolis“, 103,3 vom Funkhaus Europa-WDR zwischen 15 h und 16 h live übertragen

Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei und die Moderation übernimmt die Journalistin und Vorsitzende der Griechischen Gemeinde Waldniels Zoe Niomanaki.