„Es geht ums Geld, nicht um Herrschaft“

Die ZDF-Reporterin Annette Hoth spricht in der „Elliniki Gnomi“

Interview von Georgia Kostakopoulou

„Wenn wir mehr über die Narben der anderen wüssten, würden wir etwas verständnisvoller und wohlwollender mit einander umgehen, denke ich“.

Das erwähnt in der „Elliniki Gnomi“ die ZDF-Reporterin Annette Hoth.

Die Reporterin Annette Hoth arbeitet beim deutschen Fernsehsender ZDF  und besuchte in Griechenland die Kreisstadt Trikala in der Region Thessalien, um eine Reportage zum Thema „ökonomische Krise in Griechenland“ zu drehen. In der Reportage mit dem Titel “Sind die Griechen noch zu retten?“ erzählen zwei gut ausgebildete junge Leute, die nach Deutschland ausgewandert sind um sich eine berufliche Zukunft zu sichern, ihre Erfahrungen. Die „Elliniki Gnomi“ hat die Reporterin Annette Hoth, die für die Sendungen «ZDF reportage», «Heute in Europa» und «Auslandsjournal» im ZDF berichtet interviewt und wollte ihre Eindrücke über die Griechische Peripherie erfahren. Noch wurde sie nach ihrer Meinung zu den negativen Äußerungen der letzten Monate gefragt, die zwischen dem deutschen und griechischen Volk bezüglich der ökonomischen Krise Griechenlands hörbar wurden.

 

Profil der Reporterin Annette Hoth:

Nach Absolvierung des Studiums, der Englischen Literatur- und Politikwissenschaften in München und Lancaster (Großbritannien) arbeitet Annette Hoth seit 20 Jahren beim öffentlichen Fernsehkanal ZDF. Sie produziert überwiegend 30-minütige Reportagen und Dokumentationen. Während ihrer Schulausbildung besuchte sie das Humanistische Gymnasium und lernte Latein und Alt-Griechisch.

 

– Welches sind die positiven und negativen Eindrücke der Griechischen Peripherie, die Sie bei Ihrer Reportage in Griechenland gesammelt haben?

„Das ZDF hat die Reportage über Griechenland sehr kurzfristig ins Programm genommen. Daher sind mein Kamerateam und ich von einem auf den nächsten Tag nach Trikala gereist, ohne Zeit für Vorbereitungen oder Terminabsprachen. Ich war unendlich dankbar, dass sich vor Ort alle Menschen spontan Zeit für uns genommen haben, selbst der Bürgermeister Herr Lappas, obwohl wir sie ohne Voranmeldung einfach in ihren Büros «überfallen» haben. Ohne diese Spontaneität hätte ich diese Reportage niemals drehen können.

Eine Erfahrung hat mich jedoch überrascht und geschmerzt. Sehr, sehr viele Menschen haben uns während unserer Dreharbeiten angesprochen, um uns zu sagen, dass die Griechen NICHT faul seien. Es scheint der weit verbreitete Eindruck zu herrschen, die Deutschen hielten die Griechen für faul. Ich weiß nicht, wie die Griechen auf diese Idee kommen. Ich weiß nur: Es stimmt nicht! In jedem Volk gibt es Menschen mit Vorurteilen über andere Völker, das kann man nicht beschönigen, aber das ist ganz gewiss nicht die Mehrheit“.

 

– Wie begegnete die Griechische Gesellschaft der Peripherie einem Deutschen Fernsehsender? Welchen Reaktionen begegneten Sie?

„Trikala entpuppte sich als Paradies für ein deutsches Fernsehteam: Fast jeder Grieche dort ist ja entweder in Deutschland geboren oder hat hier gearbeitet oder ist mit einem Deutschen / einer Deutschen verheiratet. Ich hatte also (fast) keine Verständigungsschwierigkeiten – weder sprachliche noch kulturelle. Viele kannten das ZDF und hatten schon deswegen Vertrauen zu uns, weil sie wussten, wir arbeiten für einen seriösen Sender. Und die meisten haben sich gefreut, dass sich das ZDF für «normale» Menschen in einer «normalen» Stadt interessiert – und nicht immer nur für die Mächtigen in Athen“.

 

– Trennt die Deutsche Bevölkerung etwas von der Griechischen   Bevölkerung? Oder ist das alles ein politisches Spiel?

„Nein, das ist kein Spiel. Die Lage ist sehr ernst, ökonomisch und politisch, aber auch zwischenmenschlich auf der Ebene von uns normalen Menschen. Griechen und Deutsche begegnen einander wegen dieser Krise misstrauischer und gereizter als sonst. Die Deutschen haben Angst um ihr Geld, und die Griechen fürchten deutsche Dominanz. Ein Trauma der Deutschen ist bis heute die Inflation der frühen 1920er Jahre, als die Ersparnisse eines ganzen Lebens plötzlich nicht mehr für einen Laib Brot reichten. Auch aufgrund dieser kollektiven Erinnerung kämpft Frau Merkel jetzt so um den Euro. Es geht ums Geld, nicht um Herrschaft – davon bin ich überzeugt. Das Trauma der Griechen aber ist die deutsche Besatzung während des 2. Weltkrieges. Das war mir, muss ich leider bekennen, gar nicht bewusst. Das wurde mir erst beim Besuch eines der Meteora-Klöster klar, in dem Bilder aus der deutschen Besatzungszeit in Griechenland ausgestellt waren. Wenn wir mehr über die Narben der anderen wüssten, würden wir etwas verständnisvoller und wohlwollender mit einander umgehen, denke ich“.

 

– Welche Meinung haben Sie über die negativen Äußerungen der  deutschen Medien, die die griechische Gesellschaft in den letzten Monaten zu hören bekam? Haben Sie erkannt, ob das alles mit der Realität übereinstimmt?

„Ich bin keine Griechenland-Expertin. Ich kann daher nicht schlussendlich einschätzen, welche Berichte womöglich übertreiben. Vielleicht spielt in diesem Punkt auch ein kultureller Unterschied eine Rolle: Kritik ist nicht immer automatisch ein Angriff, nicht in deutschen Augen. Das empfinden die Griechen möglicherweise etwas anders. Kritik kann eine wohlwollende und konstruktive Anregung sein. Wenn Griechenland, um ein Beispiel zu nennen, es bis heute nicht schafft, die fälligen Steuern einzutreiben, dann ist das ein Versagen des griechischen Staates, das Europa jetzt ausbaden muss. Und das muss man kritisieren dürfen, denke ich, auch wenn es weh tut“.

 

– Kann die Deutsche Peripherie mit der Griechischen Peripherie verglichen werden?

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Griechenland viel zentralistischer regiert wird als das föderalistische Deutschland. Athen schickt das Geld, Athen ist verantwortlich, Athen ist schuld an allem, was schief läuft. Das ist in Deutschland anders, wohl weil dieses Land historisch immer aus vielen kleinen Fürstentümern bestand und ja auch heute noch aus 16 Bundesländern zusammengesetzt ist, von denen jedes einen eigenen Ministerpräsidenten hat. Die Ministerpräsidenten haben eigene Macht, Angela Merkel ist nicht ihre Chefin. Im Gegenteil, für viele Entscheidungen braucht sie die Zustimmung der Mehrheit der Ministerpräsidenten. Deshalb sind die Regionen in Deutschland unabhängiger von Berlin als Thessalien von Athen, und deshalb fühlen wir uns hier in Mainz zum Beispiel gar nicht in der «Peripherie» – obwohl Berlin rund 600 Kilometer entfernt liegt“.

 

Link zu der ZDF-Reportage “Sind die Griechen noch zu retten?“

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/1497066/Sind-die-Griechen-noch-zu-retten?