Der Schatz kommunaler Zusammenarbeit

Das Gespräch führte Sylvia Löser.
Fotos: Walter Bachsteffel.

Thomas Fettback, der frühere Oberbürgermeister (OBM) der Stadt Biberach in Baden-Württemberg, amtierte 18 Jahre an der Spitze der Stadt. Seitdem berät er als ehrenamtlicher Experte der Deutsch-Griechischen-Versammlung (DGV) griechische Kommunalverwaltungen. Bereits als OBM formulierte er die Feststellung, dass internationale kommunale Zusammenarbeit ein „Schatz sei, der noch zu heben wäre“ und bezog sich auf entsprechende Beispiele aus Schweden und Holland. Fettback ist der Ansprechpartner der DGV für jugendorientierte Maßnahmen besonders der Opfergemeinden Griechenlands. sylvia1

Wir sprachen bei seinem Aufenthalt in Nordgriechenland und Paramythia mit Thomas Fettback:

Thomas Fettback, sie arbeiten im Expertenteam der Deutsch-Griechischen-Versammlung an Projekten kommunaler Zusammenarbeit.

-Was sind das für Projekte?
-Wie sehen sie die Chancen einer Umsetzung?
-Gibt es schon zählbare Erfolge?

Die DGV gründet auf der Idee, dass man auf kommunaler Ebene einen Wissensaustausch zwischen griechischen und deutschen Städten und Gemeinden aufbaut. Es gibt Themenschwerpunkte, welche die DGV definiert hat, zum Beispiel den gesamten Bereich des Umweltschutzes einschließlich der Abfallwirtschaft. Es gibt aber auch den Bereich Jugend, jugendorientierte Maßnahmen, für den ich als Ansprechpartner innerhalb der DGV zuständig bin.
Die Frage nach den Chancen kann ich eindeutig mit ja beantworten, wohl wissend, dass es schwierig ist. Denn das deutsch-griechische Verhältnis ist ja schon aus der Geschichte heraus belastet. Aber die einzige Chance, Vertrauen aufzubauen, schafft man schlichtweg dadurch, dass man die Menschen zusammen bringt. Es sind genau diese kommunalen Projekte, die es zwischen Schulen oder Wirtschaftsbetrieben geben kann, zwischen Kommunen, wenn sie denn wollen, Zählbare Erfolge sind noch relativ rar. Die DGV hat erst einmal mit Konferenzen zum Kennen lernen angefangen. Jetzt gehen wir langsam in die Umsetzung.
In meinem Bereich, den jugendorientierten Maßnahmen liegt ein Konzept vor, ein Angebot liegt den Städten und Gemeinden vor. Seit Anfang 2014 bin ich konkret mit den Gemeinden in Verhandlung, welche daran Interesse haben und bereit sind.Es gibt ca. 10 Projekte, die dicht vor der Realisierung sind, andere sind noch Willensbekundungen.

Wollen die griechischen Bürgermeister solche Unterstützung oder stoßen sie auf Vorbehalte?

Schwierig ist, wie ich schon eingangs sagte, weil das deutsch-griechische Verhältnis belastet ist. Wir Deutsche tragen daran Schuld. Ich erinnere an das Unrecht, das von deutschem Boden ausgehend, auf griechischem vor 70 Jahren angerichtet wurde. Das dürfen wir nicht leugnen, es wird auch in den Gesprächen nicht geleugnet. Wir haben die Verpflichtung, aus der Vergangenheit Projekte zu machen. Insofern ist es auch bei den Bürgermeistern schwierig, es muß erst deren Vertrauen gewonnen werden. Das bedeutet viele, viele Gespräche. Aber ich denke, es ist auch der einzige Erfolg versprechende Weg, auch ein Stück weit mit der Geschichte aufzuräumen. Sie nicht zu vergessen, sondern aus der Verantwortung heraus, kommunale Projekte zu initiieren.

Mehr als 60 % der griechischen Jugendlichen sind ohne Arbeit, in weiten Bereichen verarmt die Bevölkerung. Sehen sie in Projekten kommunaler Zusammenarbeit das richtige Konzept?

Die katastrophale Jugendarbeitslosigkeit mit weit über 60 % ist eines der schlimmsten Dinge, um die wir uns alle in der Solidargemeinschaft Europas bemühen müssen. Insbesondere auch mit Blick auf Biberach. Die Jugendprojekte sind sicherlich nicht das Konzept gegen Jugendarbeitslosigkeit. Es ist aber eine Möglichkeit, davon bin ich fest überzeugt, im Rahmen der DGV Angebote des Jugendaustausches, der jugendorientierten Maßnahmen zu machen. Es geht um eine Bandbreite von klassischem Jugendaustausch, geht aber auch zur Frage, ob man hier vor Ort Bildungseinrichtungen stärkt. Es ist immer nur ein Angebot. von Augenhöhe auf Augenhöhe, griechische Menschen nach Deutschland zu holen, sie dort zu qualifizieren. Es ist sicherlich eine Möglichkeit, aber ich sage auch deutlich, das Problem der griechischen Jugendarbeitslosigkeit ist so gigantisch groß, dass wir alle zusammen daran arbeiten müssen. Dazu einen Beitrag im Rahmen der DGV leisten zu können, das sehe ich definitiv.

In Griechenland gibt es 93 anerkannte Opfergemeinden, einem Schwerpunkt ihrer Arbeit. Wie wollen sie diese Arbeit leisten oder ist es nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein?

Nein, das will ich deutlich sagen. Es ist nicht nur der Tropfen auf den heißen Stein. Ich sagte vorhin schon, die Verantwortung für das Unrecht, das von deutschem Boden auf griechischem Boden verübt wurde, darf nicht vergessen werden. Deshalb sage ich auch ganz bewusst, es ist für mich ein Herzensanliegen, mit den 93 Opfergemeinden zusammen zu arbeiten. Wie das geleistet werden kann, führt wieder zum Thema Jugend. Europa wächst nur zusammen, wenn man vor allen Dingen die Jugend zusammenbringt. Auch in meiner Erfahrung als OBM habe ich ähnlich gelagerte Fälle sammeln können. Immer ist der erste Schritt der schwierigste. Den überwindet man, indem man Vertrauen schafft und dies gelingt am einfachsten mit Jugendprojekten

Bundespräsident Joachim Gauck besuchte vor kurzem unter anderem die epirotische Opfergemeinde Lingiades. Er sprach dort auch über Pläne, ein deutsch-griechisches Jugendwerk sowie einen Zukunftsfonds für griechische Opfergemeinden einzurichten. Was können sie uns dazu sagen?

Den Gedanken, ein deutsch-griechisches Jugendwerk zu gründen, finde ich absolut wichtig. Er unterstreicht das, was ich vorhin versucht habe, zum Ausdruck zu bringen. Er unterstreicht nicht nur, er macht es zu einer Institution. Dass es funktionieren kann, gerade mit der Geschichte Deutschlands zusammenhängend, hat ja die Vergangenheit gezeigt. Es gibt schon zwei deutsche Jugendwerke mit anderen Ländern aus dem Gedanken der Versöhnung heraus. Vor vielen Jahren mit dem früheren Erzfeind und später mit Polen. Wenn jetzt der dritte Schritt, ein deutsch-griechisches Jugendwerk dazu kommt, kann ich das nur begrüßen. Es ist übrigens auch im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung festgeschrieben, Die DGV ist daran nicht unmittelbar, sondern mittelbar beteiligt. Die DGV soll am Aufbau eines Jugendwerkes mithelfen.
Zum Thema Jugendfonds oder Zukunftsfonds kann ich jetzt nichts sagen. Ich hörte auch, dass der Bundespräsident das sagte. Es wäre auch absolut wichtig, nicht nur von der Absicht zu hören, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Griechenland zu verbessern und auch für Projekte dieser Art Mittel zur Verfügung zu stellen. Es wäre sehr gut, so einen Fonds zu haben, damit man hier vor Ort aktiv werden kann, um schneller Projekte umzusetzen.

Das Gespräch führte Sylvia Löser
Fotos: Walter Bachsteffel