Der Heilige Berg Athos
Ein katholischer Inder auf dem Athos

Eindrücke eines ersten Besuches

Von Dr. Ajit Lokhandeinder EG

Alles –oder fast alles- über den heiligen Berg Athos ist von Kennern gesagt worden. Über die Schönheit der Landschaft, die innere Stille und die äußere Ruhe, die Tiefe der Meditation und das erhebende Gebet, die hohe Mystik und reiche Spiritualität. Meine Gedanken sind die eines Außenseiters, der zum ersten Mal mit der Orthodoxie näher in Berührung kommt. Als Inder komme ich aus der hinduistischen Kulturwelt, wurde aber katholisch erzogen. Meine subjektiven Eindrücke sind in diesem Kontext zu sehen.

Vor vielen Jahren hatte ich von den Religionsgemeinschaften der orthodoxen Mönche gehört und von dem heiligen Berg Athos, dem Zentrum der Spiritualität für die Ostkirche.  Ich wollte gerne einmal diesen religiösen Platz der Erde erleben und mit den Mönchen beten.

Der formelle Weg bis zum Erhalt des „Diamonitirions“ war lang und mühsam. Auch wenn zum Schluss alles mündlich versprochen wurde, erhielt ich diese schriftliche Genehmigung, den Heiligen Berg Athos bereisen zu dürfen, etwa zwei Stunden bevor das Schiff dorthin Ouranoupolis verlies. 

 

Ich fand die drei Klöster, die ich als Pilger besuchte, in einem guten Zustand vor, weil sie wahrscheinlich vor nicht allzu langer Zeit restauriert worden sind. Die Sauberkeit war auffallend und der Empfang freundlich. Ich spürte, dass der Lesung während der Mahlzeit ein hoher Wert angemessen wird. Darüber hinaus war es wohltuend in einem der Monasterien zu erleben, wie zwei Mönche in segnender Geste an der Tür standen, als die Gemeinschaft und die Gäste den Speisesaal verließen.

Ich weiß, dass in Hindu-Tempeln der Raum (das Sanctum Sanctorum), wo sich die Gottheit befindet, dem Priester vorbehalten ist. Ich nehme an, dass der innerste Altarraum auch in der orthodoxen  Kirche  dem Priester vorbehalten ist. Ich habe volles Verständnis, wenn ich als Katholik die heilige Kommunion, das heilige Brot oder das heilige Wasser nicht empfangen darf. Aber mir fiel es schwer, dass ich in zwei der drei Klöstern an Vesper und Psaltiki nicht im Raum mit der Gemeinschaft der Mönche weilen durfte, sondern im Vorraum bleiben sollte.   Es war mein gehegter Wunsch, an dem Gebet der Gemeinschaft teilzunehmen, weil ich sehr bewusst als Pilger zum Berg Athos reiste. Schließlich sind wir – Orthodoxe und Katholiken – mehr als eintausend Jahre ein und die selbe Glaubensgemeinschaft gewesen. Wunderschön passt dazu die Aussage vom heiligen Nektarios, „Die Liebe steht über den Dogmen“.

Neben mehreren Stunden des Gebetes verrichten die Mönche jeden Tag viele Stunden körperlicher Arbeit, was mich an den Benediktiner Lebensstil „Ora et Labora“ erinnert. Bewundernswert fand ich, daß die Mönchsgemeinschaft auch in der Nacht mit langen Gebeten Gott preist. Die Heilige Schrift im Hinduismus (Bhagvad Gita) sagt: „Wenn in der Nacht alle Geschöpfe schlafen, bleibt der Asket wach“.IM stavronikita

Ich bin nicht mit den Gebetsformen der orthodoxen Kirche vertraut. Ich habe aber das Gemeinschaftsgebet auf Athos anders erlebt als in der katholischen Kirche. Mein Eindruck war, daß die vertikale Dimension (Gebet orientiert zu Gott) während des mündlichen Gebets so sehr betont wird, dass die horizontale Dimension (das Beten mit den anderen in einer Gemeinschaft) nahezu ausgeblendet wird. Hier beten hauptsächlich einige Individuen (oder zwei kleine Gruppen), während die anderen zuhören beziehungsweise im Herzen mitbeten.

Wiederholungen in Gebeten in der orthodoxen Kirche sind wichtig. In der katholischen Kirche ist mir das Stoßgebet vertraut, das heißt Wiederholung einiger kurzer Gebetsformeln. Ich schätze auch das Jesu Gebet „Herr Jesus Christus, habe Erbarmen mit uns“ sehr.  Mir kam es allerdings fremd vor, wenn „Kyrie eleison“ bis zu zwanzigmal mit ungewöhnlich schneller Geschwindigkeit, fast mechanisch rezitiert wird. Es erinnert mich an die ähnlich wiederholten Gebete, die von Hindu Priestern gemurmelt werden. Auch das ständige sich Bekreuzen, das wiederholte Beugen oder Anzünden und Auslöschen der Kerzen waren mir fremd. Dagegen aber gefiel mir besonders, dass nur im Kerzen- und Öllampenlicht gebetet wurde, auch wenn das Kloster Strom hatte. Es erhob die geheimnisvolle Atmosphäre der Anwesenheit Gottes und der Begegnung mit Ihm und erinnerte mich an Rudolf Otto (Religionswissenschaftler), bei dem  „Das Heilige“ als  „Augustum, Tremendum, Faszinosum“ bezeichnet wird.

Während des Gebetes wurde meine Andacht gelegentlich gestört, wenn mehrere Mönche sich ständig von einer Seite zur anderen bewegten oder die Kirche verließen oder sie betraten. In der katholischen und der evangelischen Kirche sind die Gläubigen beim Gottesdienst normalerweise  vom Anfang an anwesend und verlassen die Kirche gemeinsam zum Schluss.

Leider gab es keine Gelegenheit (außer eine kurze mit einem Mönch), mehr über das Klosterleben zu erfahren, mit den Mönchen über ihre Vorstellung des Klosterlebens, ihre Ideale, ihre Ausbildung etc zu sprechen. Ich hätte gerne erfahren wer zum Priester geweiht wird, wann und von wem. Vielleicht möchten die Mönche nicht durch die vielen Gäste in ihrer inneren Sammlung gestört werden, wofür ich Verständnis aufbringen muss. Ich verstand bis zum Schluss auch nicht, was die Vorbedingungen sind, um in das Monasterium eintreten zu können, welche Ausbildungsphasen der künftige Mönch mitmacht und was der Unterschied zwischen einem Hieromönch  und dem Hierodiakon ist.

Mein Diamoniterion galt nur für drei Tage. Aber ich hatte einen lang gehegten Traum erfüllt. Zwei Gedanken beschäftigen mich, seitdem ich den heiligen Berg Athos wieder verlassen habe.

Erstens.  Der heilige Berg Athos ist einer der Plätze auf unserer Erde, die besonders von Gott berührt und gesegnet sind, da hier Tausende von Menschen meditiert und Gott gesucht haben. Sie haben hier Gott intensiv angebetet und sind Ihm innig begegnet. Es gibt eine lange Tradition von über tausend Jahren von heiligen Männern, die uns als Vorbild fungieren. Es gilt, diese reiche Tradition zu schätzen und zu pflegen und alles zu tun, dass dieser kostbare Teil der Erde nicht zerstört, sondern weiterhin respektiert wird.

Zweitens. Es ist nicht der Zeitpunkt über Religion und die Vergangenheit zu polemisieren. Zum Glück hat ein Annäherungsprozess zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche begonnen. Wir, Orthodoxe und Katholiken, haben über eintausend Jahre den einen Glauben praktiziert. Sollten wir nur theologisieren und Haarspalterei treiben? Ein Bild bewegt meine Phantasie: Von Himmel her schaut uns Christus und lächelt uns an, als würde Er sagen: „Kinder, liebt einander wie ich euch geliebt habe“ (Johannes. 15,17), „Ihr sollt vor Menschen in der Welt meine Zeugen sein“ (Matthäus 28, 19).

Dr. Ajit Lokhande

besuchte eine vom Jesuitenorden geleitete katholische Schule und erwarb M. A. (Sanskrit Lit.) in Indien. Er hat in Innsbruck katholische Theologie studiert und wurde in Bonn im Fach „Vergleichende Religionswissenschaft“ promoviert.