„Die Rückkehr des Minotaurus“

Interview mit der Künstlerin und Bildhauerin Bärbel Dieckmann über ihre aktuelle Ausstellung und ein facettenreiches Wesen

 

Für die Elliniki Gnomi von Athanasia Theel

hockenderminotaurs_thumb1)Warum haben Sie die Gestalt des Minotaurus für Ihre Ausstellung ausgewählt?

In meiner Kindheit bin ich mit den Sagen von Gustav Schwab aufgewachsen, einer Sammlung antiker Mythen des griechischen und römischen Altertums. Diese finde ich bis heute unglaublich faszinierend, weil das Erzählte eine Versinnbildlichung und Personifikation der damaligen Zeit in sich birgt. Es ist mystisch und lebendig, wie auch der Minotaurus. Er entstand zu dem Zeitpunkt als man begonnen hat, sich Gedanken um das Innenleben des Menschen zu machen und die Frage nach der Seele zentral wurde. Das Spektrum dieser Gestalt ist vielfältig und innerlich deckt er, meiner Ansicht nach, alles ab. Zudem ist seine äußere Form sehr schön. Bei genauerer Betrachtung seiner Hörner erscheinen diese wie eine emporragende Krone. Zugleich bietet seine Anatomie, bestehend aus halb Mensch, halb Stier, interessante Umsetzungsmöglichkeiten im Wege der Plastiken. Insgesamt hat sowohl die innere als auch die äußere Form des Minotaurus ein enormes Potenzial für meine künstlerische Arbeit geboten.

 

2) Was verbinden Sie mit der antiken griechischen Zivilisation?

Im Besonderen ist es für mich die Naturverbundenheit dieser Zeit, welche sehr beeindruckend zum Ausdruck gebracht und vermittelt wurde durch die Naturphilosophie sowie Kunst. Die Kultur des antiken Griechenlands hat die gesamte spätere Bildende Kunst nach sich geformt. Immer wieder wurde sich darauf bezogen, zum Beispiel in der Renaissance oder im 19. Jahrhundert. In diesem Zusammenhang ist in der Gestalt des Minotaurus ein Beitrag zum kulturellen europäischen Erbe zu sehen. Er ist des Öfteren in der  Kunst über die Jahrhunderte hinweg wieder zu finden, so unterliegt auch der Mythos einem stetigen Wandel durch die jeweilige Art der künstlerischen Auseinandersetzung. Vergleichbare Einflüsse, ausgehend von der heutigen Zeit, können Sie in diesem Ausmaß nicht mehr finden. Das antike Griechenland ist die Wiege der europäischen Kultur und die Mythen leben beständig weiter.

 

3) Welche verschiedene Charakteren und Eigenschaften schreiben Sie dem Minotaurus zu?

Der Minotaurus vereint viele Gegensätze in sich. Von der inneren Weichheit der Empfindungen bis hin zur totalen Stärke ist alles in ihm vertreten. Manchmal ist er schwach und verletzlich, um dann wieder leidenschaftlich und stark zu sein. Bereits diese charakterlichen Züge sind schwer miteinander zu vereinbaren und machen die komplizierte Lage dieses Wesens, insbesondere im Umgang mit anderen, bewusst. Die Zerrissenheit und Verletzlichkeit des Minotaurus versuche ich durch die morbide Oberfläche mit den aufgebrochenen Stellen an den Figuren auszudrücken.

Sein ambivalentes Innenleben und seine äußere Erscheinung haben ihn in eine Außenseiterposition gebracht. Ich habe mich des Öfteren gefragt, wie es gewesen wäre, wenn er eine rein menschliche Gestalt gehabt hätte. Allerdings würde ich bei ihm nicht von einer Isolierung sprechen, sondern ich sehe den Minotaurus eher als eine zugängliche Figur.

 

4) Würden Sie sagen, dass sich der heutige Mensch in der Figur des Minotaurus wiMinotaurusederfinden kann?

Ja, es gibt viele Menschen in denen ein Stück Minotaurus steckt. Besonders im Fall von Ambivalenzen, wofür er sinnbildlich steht. Dementsprechend greift die Ausstellung auch den Aspekt der Migrationskonflikte auf und die Schwierigkeiten, die Menschen mit anderer Herkunft häufig betreffen, wie das Gefühl nicht dazu zu gehören.

Der Minotaurus ist kein Monster, sondern eine Gestalt, die auf eindrucksvolle Weise die benannten Gegensätze zum Ausdruck bringt. Diese Vielfalt betrifft jeden von uns auf ihre eigene Art.

 

5) Worin liegt die Besonderheit Ihrer Plastiken und was möchten Sie den Betrachter damit vermitteln?

Zunächst möchte ich sagen, dass ich meine Plastiken auf eine ähnliche analytische Weise modelliere, wie die klassisch hellenistischen Arbeiten geschaffen sind. So wird die Anatomie des Körpers nachgestellt und die Übergänge der einzelnen Körperpartien authentisch nachvollziehbar gemacht. Die Plastiken bestehen aus Gips und Terrakotta, manche sind auch in Bronze gegossen. Das Besondere der ausgestellten Arbeiten ist die bereits erwähnte Oberfläche. Diese ist aufgerissen, uneben, geprägt von Arbeitsspuren durch das Bearbeiten mit einem Messer oder einem Spachtel. Genau diese Risse machen das Offene und Lebendige der Figuren aus, sie atmen. Des Weiteren trägt jede Plastik einen Doppelnamen, welcher ein Hinweis auf die Form oder auf die damit in Verbindung stehende Sage ist. So hat der „Assyrische Minotaurus“ eine sehr blockhafte Form und sein Name verweist auf die assyrischen Reliefs, welche ebenfalls eine solche Struktur aufweisen.

Nun zu Ihrer Frage, was ich vermitteln möchte. Es ist Leidenschaft.

 

Bärbel Dieckmann ist 1961 in Bielefeld geboren. Latein und Griechisch lernte sie in der Schule. Heute  lebt und arbeitet sie als Künstlerin sowie Bildhauerin in Berlin. Die 40 Ausstellungsstücke können noch bis zum 21. April  im Museum Neukölln / Gutshof Britz in Berlin besucht werden.

Zum Abschluss der Ausstellung findet eine Finissage um 11:30 Uhr am 21. April in den Räumlichkeiten des Museums statt. Die Künstlerin wird persönlich anwesend sein und zusätzlich erwartet die Besucher eine Lesung unter dem Titel „Minotaurus – Eine Ballade. Von Friedrich Dürrenmatt“.

 

Museum Neukölln
Gutshof Britz
Alt-Britz 81
12359 Berlin

http://www.museum-neukoelln.de