Von Sylvia Löser und Walter Bachsteffel

Fotos: © S. Löser – W. Bachsteffel


Die Tage des Eisvogels, welche wir vor Jahren in der Mani genießen konnten, gibt es diesmal nicht. Klare Sicht, kalt trotz Sonnenschein damals, diesmal Fehlanzeige. Es regnet. Genauer, es gießt. Zum Glück erst, wenn wir unsere Besichtigungen bereits beendet haben. Glück im Unglück.

Doch nun, Vorhang auf für die Reise zur Südspitze Griechenlands.07

 

Die Peloponnes streckt drei Finger ins Mittelmeer hinaus, die Halbinsel Mani ist der mittlere davon. Sie wird durch das Taygetos-Gebirge vom übrigen Griechenland abgetrennt. Zwischen Kalamata und der Bucht von Itylon zieht sich ein langer Küstenstrich, eine fruchtbare und reiche Ebene. Diese ernährt eine zahlreiche Bevölkerung. 

Anders ist es in der südlichen, der inneren Mani, die karg, entvölkert und ungastlich erscheint. Von Itylon  am Messenischen führt sie hinüber nach Gythion am Lakonischen Golf. Diese karge und abgelegene Landschaft bot gerade dadurch vielen Hunderten in schlimmen Zeiten Schutz vor fremden Eroberern.  Notwendiger Schutz, da die strategisch günstige Lage im Zentrum der Handelswege zwischen Griechenland und Nordafrika, sowie zwischen Italien und der Levante viele Begehrlichkeiten weckte.11

Die Geschichte der Mani ist als Kurzfassung nicht leicht zu schreiben, sie ist eng verwoben mit der Historie von Sparta, Rom, Byzanz, Venedig und dem Osmanischen Reich. Mani war das unbesiegte Zentrum der griechischen Freiheitsbewegung gegen die Osmanen, aber auch widerspenstig gegenüber dem griechischen Staat. So ermordeten Manioten 1831 in Nafplion den ersten griechischen Staatspräsidenten Ioannis Antonios Kapodistrias.

Eine der faszinierendsten Landschaften Griechenlands wird ergänzt durch zahlreiche byzantinische Gebäude, so dass von einer eigenständigen Kulturlandschaft gesprochen werden kann. In großer Zahl stehen völlig allein einschiffige Kirchen und Kapellen aus alter Zeit, gefertigt ohne Mörtel aus riesigen Bruchsteinblöcken. Deren verschiedene Arten von Kreuzkuppeln zeichnen sich durch sorgfältige und abwechslungsreiche Ziegel-Ornamentik aus. Bildschmuck wie auch Plastiken zeigen volkstümliche, humorvolle und realistische Szenen einer eher archaischen Stilrichtung.13

Von der kriegerischen Einstellung der Bevölkerung zeugen noch die zahlreichen Türme und Turmdörfer. Bis zu sechs Stockwerke oder 25 Meter hoch bauten die Manioten ihre wehrhaften, mit zahlreichen Schiessscharten versehenen Türme. Aus Sicherheitsgründen konnten die oberen Stockwerke nur über Leitern bestiegen werden. Die stark wachsende Zahl der Bewohner brachte immer wieder Kämpfe und Fehden mit sich. Viele Jahre konnten Kleinkriege zwischen Familien oder rivalisierenden Clans dauern; mit ein Grund für die Wehrhaftigkeit und Höhe der maniotischen Wohntürme. 14Der satirische Dichter Nikitas Nifakis schrieb im 18. Jahrhundert dazu: 

„Der Erste, er hält seinen Turm, dass nicht ein Zweiter ihn nehme. Und der Dritte den Vierten jagt und der Sechste den Fünften“.

Nicht die Osmanen waren die letzten Besatzer in Griechenland. Es folgten noch Italiener und Deutsche. Erneut übernahm die Mani ihre Rolle als Zufluchtsort für Verfolgte und als Zentrum des Widerstandes. Diesmal allerdings brachte die Bedrohung durch äußere Feinde keine Gemeinsamkeit, sondern führte zu einem fanatischen Bruderkrieg, von dem sich die Mani nie mehr erholte. Die junge Generation wanderte aus, nach Athen oder Amerika. Der Kampf der rivalisierenden Großfamilien machte das Leben zur Qual, Überleben nur in allen  anderen Teilen der Erde möglich. 16

Nach ihrer Rückkehr renovierten viele Manioten ihre Häuser, pflegten Gärten und Felder, galten aber auch als berüchtigte Piraten des Mittelmeeres. Zunehmender Tourismus brachte zögerlich mehr Wohlstand ins Land. Die Schattenseiten des Wohlstandes können heute besichtigt werden. Es bildeten sich in der Mani regelrechte Ghettos von Deutschen oder Engländern mit teils sehr schönen Häusern im alten Stil. Völlig abgeschottet von der maniotischen Bevölkerung, bleiben sie in ihrem eigenen Kulturkreis. Stetig ist der Zuwachs an Baugenehmigungen, wie uns Eingeweihte berichteten. Europäische Integration sieht wohl anders aus. mani 04 13 057

Mit so viel notwendiger Geschichte im Hinterkopf machen wir uns auf. Unser Weg führt von Kalamata über Areopolis. Wir fahren zum freundlichen Küstenort Kardamili. Phantastische Ausblicke bieten sich auf den Messenischen Golf. Bald darauf stoßen wir in Kampos auf die mit Palmetten gezierte Kreuzkuppelkirche der hl. Theodorii aus dem 14. Jahrhundert. Am Ortseingang von Kardamili stehen noch die Mauern einer venezianischen Burg aus dem 18. Jahrhundert. Aus gleicher Zeit stammt die Kirche des hl. Spyridon. Bei der Weiterfahrt grüßen bei Stupa die eindrucksvollen Reste der fränkischen Burg „Beaufort“ (1245 – 1278).

Im Dorf Platsa, hoch über dem Golf gelegen, laden gleich sechs Kirchen zur 08Besichtigung ein. Die byzantinische, einschiffige Kirche der hl. Paraskevi wird durch einen angebauten kleinen Saal betreten. Sehenswert sind hier die bunten Fresken in leuchtenden Farben in der Wölbung, wie auch hübsche Ornamente am Templon. Aus dem 15. Jahrhundert stammt eine Kirche des hl. Ioannis. Eine der ältesten Kirchen in einer an Kirchen und Kapellen überreichen Mani besuchen wir noch. Die Kirche des hl. Nikolaos, als dreischiffige Basilika erbaut, stammt aus dem 10. Jahrhundert. Tausend Jahre wechselvolle Geschichte blicken auf den Besucher herab. Wenn wir schon auf „Kirchentour“ sind. Im nahegelegenen Dorf Nomitsi 02existieren vier Kapellen aus byzantinischer und drei aus nachbyzantinischer Zeit. Besondere Erwähnung verdient hier die im 11. Jahrhundert erbaute Kirche der Metamorfosis.

Nein, nicht nur Kirchen gibt es in der Mani. Als wir in Richtung Langada fahren, sehen wir rechts von der Strasse prächtige Häuser und auch für den lriblichen Genuss ist gesorgt. Nach unserer bescheidenen Meinung gibt es in Langada die besten Spanako-Pittes Griechenlands. In Aeropolis, dem quirligen Städtchen mit hübschen Gassen und Geschäften geht es ab zu einer unglaublichen Sehenswürdigkeit, den Tropfstein-Grotten von Dirou.04 Hier kann der Besucher auf Meereshöhe mit dem Boot eine der schönsten Grotten der Welt befahren. Wir kennen nichts Vergleichbares. 

In Drialos bewundern wir die Doppelkirche des hl. Georgios und der hl. Kiriaki, auch der Platz davor lädt zur geruhsamen Rast ein. Einige Kilometer weiter erscheint die eindrucksvolle Turmsilhouette von Oichia. Vor der steilen Felswand ist die Kirche des hl. Nikolaos aus dem 12. Jahrhundert zu sehen. Deren Glockenturm mit einer gemauerten Dachpyramide wurde 1861 angefügt. Einige Wasserspeier in bizarren Tiergestalten sind noch erhalten.

Wir fahren hoch nach Kitta, der Stadt der vielen Türme, auf der anderen Seite erspähen wir in Nomia schöne Häuser. Zurück in Oichia nehmen wir über20 Alika mit einem wunderschönen Häuser-Ensemble kommend den Weg nach Vathia, einem Muss jeder Manireise. Steil ins Meer abfallende Felsen, eine unnahbare, raue Gebirgslandschaft, einsame Buchten und tosendes Meer gewähren einzigartige Naturerlebnisse. Bald zeichnen sich auf einem Hügel die Wohntürme von Vathia ab. Diese ballen sich auf einer sturmgepeitschten Höhe zusammen. Eine phantastische Ansammlung von antiken Wolkenkratzern, die aus einem Labyrinth von gepflasterten Gassen aufstreben und von majestätischen Adlern umkreist werden. mani 04 13 010

Ein anderer Abstecher führt uns hinunter zum Kap Tainaro, dem mythischen „Tor zur Unterwelt“. Hier soll nach Pausanias (8.22.4) der Halbgott Herkules in einer seiner zwölf Auftragsarbeiten für König Eurytheus den dreiköpfigen Höllenhund Cerberus an die Oberwelt gebracht haben. Hier stand auch der Tempel des Poseidon, der bis ins 2. Jahrhundert ein Anziehungspunkt für viele Pilger war. Sein Ruhm reichte weit über die Grenzen des antiken Griechenland hinaus. Heute erreicht der Gast das Ende des griechischen Festlands und den großen Leuchtturm mit einer kleinen Wanderung, vorbei an einem Bodenmosaik aus römischer Zeit. Überflüssig zu erwähnen, wie grenzenlos der15 Blick am Kap schweift. Diese Zeitung brachte vor kurzem einen Bericht über „Wanderung am Ende der Welt“, am Akrathos-Kap des Heiligen Berges Athos. Nun, wir kommen zurück von einer Wanderung an einem anderen Ende der griechischen Welt. Und nein, Cerberus und Herkules trafen wir glücklicherweise nicht an, Poseidon, den Gott des Meeres, glaubten wir schon zu sehen.