Paul Guloglou: Professioneller Maschinenhandel von Sachsen in die ganze Welt

 

Die griechischstämmige Familie Guloglou, ursprünglicher Name Triandafillidis, stammt aus dem alten Konstantinopel (Istanbul), wo ihre Angehörigen als Industrielle tätig waren. Ende des 19. Jahrhunderts mussten sie die Stadt am Bosporus unter türkischem Druck verlassen. So kamen sie Anfang des 20. Jahrhunderts über mehrere Stationen nach Aleppo, nun angereichert durch einen neuen armenischen Familienzweig.

Auch in der neuen Heimat Aleppo waren die Guloglous wieder in etlichen Wirtschaftsbranchen tätig, bauten Baumwoll- und Textilbetriebe auf, Spinnereien, Mühlen, Kälteanlagen und Bewässerungssysteme für die Landwirtschaft. Der Bahnhof von Aleppo, einer der wichtigsten Industrieadressen entlang der Bagdad-Bahn, wurde bis Ende der 1930er Jahre von der Familie betrieben. Heute ist das alte Familienoberhaupt, bekannt als „Abu Lias Al Junani“ (Vater Ilias der Grieche), landesweit geschätzt als die Geschäftsadresse für zuverlässige Beratung und Verkauf von Industriegütern.GULOGLOU

Paul Guloglou hat in Deutschland Betriebswirtschaft studiert. Nach seinem Diplom entschloss er sich in Deutschland zu bleiben und zu versuchen, die Tradition der Familie auf deutschem Boden fortzusetzen. 

Er eröffnete einen Maschinenhandel und begann mit einem Lager in Leipzig, was er bis heute besitzt. Später kam ein Showroom in Jena hinzu. Im Zuge der Entwicklung des Unternehmens nutzte er seine Familienkontakte und expandierte nach Syrien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Zypern.

  

EllinikiGnomi: Herr Guloglou, Sie haben ein sehr interessantes Unternehmen. Wie würden Sie es den Lesern der Elliniki Gnomi präsentieren? Was ist Ihr Schwerpunkt? In wie vielen Ländern sind Sie präsent oder haben Kontakte?

Paul Guloglou: Die Firma PAGUS handelt weltweit mit Werkzeug- und Blechbearbeitungsmaschinen, Produktionslinien und Industrieprodukten. Über 20 Mitarbeiter sind für uns tätig. Sie kümmern sich um Drehmaschinen, Fräsmaschinen, Bohrmaschinen, Bearbeitungszenter,  Metall- und Blechscheren, Blechabkantmaschinen usw. Die Liste ist lang, wir kaufen und verkaufen alle möglichen Maschinen, die in der Metallbranche vorkommen. Wir haben ständig mehrere hundert Maschinen auf Lager, sowohl unter Strom als auch vorführbereit.

Konsequent haben wir vor zwei Jahren einen Online-Shop für kleinere Maschinen entwickelt, wo man ca. 3000 verschiedenste Artikel in der Preisspanne zwischen 50,- € und bis zu 10.000, – € findet. Das Geschäft wächst sehr schnell und wir sind sehr zuversichtlich, dass wir in den kommenden Jahren den besten Online-Shop in der Branche haben werden.
Mit den beiden Standorten in Zschepplin (ca. 12.000 m² Grundfläche, 4.000 m² Hallen) im Norden von Leipzig und dem neu gebauten Showroom in Jena (5000 m² Grundfläche, 1.400 m² Halle), direkt an der Autobahn A4, sind wir gut positioniert.
Unsere Kunden kommen nicht nur aus der EU, sondern genauso aus den USA und vielen anderen Ländern, zum Beispiel Gabun in Westafrika.

Da ich gebürtig aus Aleppo in Syrien bin, haben wir auch dort eine Niederlassung. Das war über Jahrzehnte eine sehr gefragte Geschäftsadresse in ganz Syrien, seit drei Jahren allerdings haben sich die Verhältnisse kriegsbedingt geändert: Vor einem halben Jahr schließlich wurde unser Lager dort komplett ausgeplündert.

Eine weitere Niederlassung haben wir vor einem Jahr im Gewerbegebiet Dali bei Nicosia / Zypern gestartet. In Dubai / Vereinigte Arabische Emirate sind wir mit einer eigenen Niederlassung seit Anfang 2000 vertreten. Von dort verkaufen wir in die gesamte Golfregion und nach Afrika.

 

E.G.: Sie arbeiten mit vielen Ländern im Ausland. Obwohl Sie griechischstämmig sind, haben Sie noch keine Niederlassung in Griechenland. Ist das Zufall? Würden Sie heute in Griechenland investieren?

P. G.: Ja, ich muss zugeben, ich tue mich schwer mit Griechenland. Der Hauptgrund ist, dass ich Handel treibe und dass ich gleichzeitig weiß, dass auch viele Griechen schon von Natur aus „Händler“ und damit auch in meiner Branche tätig sind.
Griechenland importiert fast alle Waren statt selber zu produzieren. Ich möchte diese Tendenz nicht noch weiter verstärken. Wenn ich heute in Griechenland investieren würde, dann allerdings im produzierenden Gewerbe mit kleineren und einfacheren Produkten. Ich habe bisher kaum geschäftliche Erfahrung in Griechenland. Wenn ich jedoch einen Partner mit dem gewissen Know-How und der nötigen Seriosität fände, würde ich es sehr gern wagen.

E.G.: Die operationelle Basis Ihres Unternehmens befindet sich in Leipzig. Von dort aus haben Sie das Unternehmen aufgebaut. Kann man Sie zu den Pionieren des Wiederaufbaus in den neuen Bundesländern zählen? Fühlen Sie sich als solcher? Warum haben Sie Sachsen gewählt?

P. G.: Pionier nicht. Schließlich bin ich mit ganz eigenen Geschäftsinteressen in die neuen Bundesländer gegangen. Helmut Kohl hat den Menschen im Osten zu früh die grünen Wiesen und blühenden Landschaften versprochen. Das hat sich zwar kurze Zeit später als Irrtum erwiesen, aber die Menschen haben es ihm geglaubt und sehr schnell alles, was sie bis dahin geschaffen hatten, als wertlos empfunden. Viele DDR-Produkte, die auf dem Weltmarkt einen Namen hatten, wurden über den Haufen geschmissen. Nicht alle, aber eben doch viele DDR-Industrieprodukte waren vorher sehr gefragt gewesen. Wir haben also diese Produkte von der „Verschrottung“ gerettet und überall auf der Welt verkauft. Dadurch haben wir einen „Mehrwert“ geschaffen, der schließlich den Menschen im Osten zugute kam. Und natürlich haben wir damit auch gewisse betriebswirtschaftliche Grundsätze und Erfahrungen, die im planwirtschaftlich geprägten Osten einfach nicht vorhanden waren, in die neuen Länder transferiert.

Ich habe mich immer geärgert, wenn ich in ein Firmengebäude kam, wo im Sommer wie im Winter alle Heizkörper aufgedreht waren und alle Fenster gleichzeitig offen standen. Auf meine Frage nach dem Warum bekam ich die Antwort: Das haben wir immer so gemacht. Oder warum waren 20 Ersatzmotore stets auf Lager, obwohl man in fünf Jahren vielleicht nur einen gebraucht hätte. Die Antwort war: Wir mussten immer so lange auf Ersatz warten, dass wenn wir einmal dran waren, so „richtig“ bestellt haben! Das war auch der Grund, warum es zu den damaligen Engpässen in der DDR kam. .. Aber OK, ich muss zugeben, dass aus meiner Interessenlage her, mir das jetzt natürlich auch recht war.

Zum zweiten Teil der Frage: Ich bin eher zufällig nach Sachsen gegangen. Es hätte Thüringen oder Brandenburg sein können. Fakt ist: Anfang der 90er Jahre habe ich mehrere Tage in der Woche im Osten eingekauft. 1995 bin ich mit der Familie nach Rhein-Main umgezogen und habe im Großraum Frankfurt keine geeignete Immobilie für das Geschäft gefunden. Da dachte ich: Wenn ich sowieso schon jede Woche im Osten bin, dann kann ich doch gleich ganz mit der Firma in den Osten ziehen.

 

E. G.: Wenn man sich Ihre Familiengeschichte anschaut so bleibt hängen, dass Sie enge Verbindungen zu Syrien haben. Was können Sie uns zur Situation in diesem Land sagen? Ist das Leben der Christen in Syrien gefährdet? Was berichtet man Ihnen von dort?

P. G.: Die Situation in Syrien ist sehr dramatisch, sie wird auch lange so dramatisch bleiben, sicherlich für einige Jahrzehnte. Hier sind Gräben aufgerissen, die man politisch nicht überbrücken kann. Da herrscht ein Religionskrieg – ein Krieg, der genau betrachtet schon 1.300 Jahre andauert. Der Hass zwischen Sunniten und Schiiten hat seinen Ursprung kurz nach Mohammeds Tod.  Die alawitischen Machthaber in Syrien um den Präsidenten Bashar Al Asad stehen den Schiiten nahe. Ein heilloser Streit. Und die Christen stehen praktisch zwischen den Fronten. Von den ca. 24 Mio. Syrern machen die Sunniten rund 75% der Bevölkerung aus, die Alawiten/Schiiten und die Christen je 10%, etwa 5% sind sunnitische Kurden. Die alawitischen Machthaber sind seit 45 Jahren an der Macht, in all den Jahren haben sie die nicht-sunnitischen Minderheiten, vor allem die Christen, bevorzugt behandelt. Nicht ohne Eigennutz, versteht sich. Deshalb sehen die aufständischen Sunniten heute die Christen als Handlanger der herrschenden Klasse. Zwar leben die meisten Christen in jenen Stadtteilen der Großstädte, die von der Regierung kontrolliert werden.  Aber viele christlichen Dörfer und kleinere von Christen bewohnte Städte, vor allem in der Küstenregion, sind schutzlos den Aufständischen ausgeliefert. Die so genannte Freie Syrische Armee (FSA) der Aufständischen besteht zwar überwiegend aus Syrern, ihr gehören aber noch ein Dutzend andere meist radikal-islamische Gruppierungen an: Mordtouristen aus Tschetschenien oder Somalia, Legionäre aus der Türkei oder aus Saudi Arabien usw. Alles, was islamisch radikal ist, ist heute in Syrien unterwegs. Waffen kommen überwiegend über die Türkei ins Land, finanziert von Qatar und den Saudis. Sobald ein Christ in die Hände der Aufständischen fällt, wird geraubt, gefoltert und gemordet – nur wenn er Glück hat, wird Lösegeld verlangt. Es herrschen Chaos und Anarchie.

Mein Vater und eine seiner Schwestern leben heute noch in Aleppo, der zweitgrößten Stadt in Syrien. Strom gibt es für zwei Stunden am Tag und manchmal eine ganze Woche lang überhaupt nicht. Die Preise vor allem für Lebensmittel oder Medikamente aber auch für viele andere Artikel des täglichen Bedarfs sind im Vergleich mit der Vorkriegszeit um das Vielfache gestiegen. Manchmal gibt es drei Tage lang kein Brot. Mein Vater Dimitri, 87, ein Zweite-Weltkrieg-Veteran, der der griechischen Armee in Palästina und Ägypten gedient hat, geht trotzdem jeden Tag in sein Geschäft und schimpft, warum die Kunden fort bleiben. Er wollte es lange Zeit nicht wahr haben: Erst als er im Zentrum von Aleppo in Bomben und Kugelhagel zwischen den Fronten geraten ist, hat er verstanden, dass da richtiger Krieg herrscht. Wie er jenen Vorfall überlebt hat, weiß er selber nicht. Raus aus dem Land wollten sie lange nicht –  und jetzt können sie es nicht mehr. Man kann zwar nach Latakia am Mittelmeer (180 Km) oder nach Beirut im Libanon fahren. Die Fahrt dauert aber gut 15 Stunden und das Risiko ist zu groß. Viele Menschen sind bei ihrem Fluchtversuch unterwegs spurlos verschwunden. Die Zukunft für die Christen sieht in Syrien nicht gut aus. Aber eben diese Christen, die eigentlichen Ureinwohner Syriens, haben im Laufe ihrer langen Geschichte Vieles erlebt. Sie sind sicher: Auch diese schreckliche Episode werden sie überleben.

 

E.G.: Syrien und Zypern, zwei Brennpunkte der Politik. Im ersten Land politisch-militärisch im zweiten wirtschaftlich. Haben Sie eine Vorliebe für Krisengebiete?

P. G.: Syrien habe ich mir nicht ausgesucht. Da bin ich hinein geboren, meine Familie lebt dort seit über 120 Jahren. Es ist eigentlich ein schönes Land und, nicht zu vergessen, bis vor 500 Jahren haben die Menschen dort überwiegend Griechisch gesprochen. Die größte christliche Gemeinde in Syrien ist mit deutlichem Abstand die Griechisch-Orthodoxe Kirche. Syrien hat also viele griechische und  christliche Wurzeln, die es zu bewahren gilt.
Was Zypern angeht, da haben Sie schon Recht. Es reizt mich durchaus, auch einmal geschäftlich ein kalkuliertes Risiko einzugehen. Mein Motto war, lieber ein Risiko auf Zypern eingehen als anderswo. Denn irgendwie fühle ich mich schon immer auch auf Zypern fast zu Hause. Die Krise dauert nun schon seit fünf Jahren an, irgendwann muss es wieder bergauf gehen. Die Zyprioten, wie auch die Griechen, müssen ihre Probleme in die eigene Hand nehmen und die richtigen Lösungen finden. Man muss aufhören, die Schuldigen woanders zu suchen. Sonst kommt man nicht weiter.

E. G.: Eine letzte Frage: Neben all Ihren Aktivitäten sind Sie seit vielen Jahren in der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung (DHW) Mitglied. Warum das? Was haben Sie davon?

P. G.: Die DHW ist eine gute Sache. Bei etwa 400.000 Griechen und zig Tausend griechischen Unternehmern in einem wirtschaftlich so weit entwickelten Land wie Deutschland ist ein solcher bundesweiter Verband sehr wichtig. Nur so können unsere Interessen gebündelt, vernetzt und überall im Land hörbar artikuliert werden. Allerdings wünsche ich mir, dass die DHW aktiver und schlagkräftiger wird. Dazu benötigt man mehr Personal und Professionalität. Es bedarf einer straffen Organisation, um noch bessere Lobbyarbeit zu leisten, ohne dabei das Ziel von den Augen zu verlieren, nämlich die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland noch enger gestalten und nicht nur wirtschaftlich ausbauen. Auch auf den Gebieten Kultur, Wissenschaft, Sport, Jugend etc. bleibt viel zu tun. Gäbe es die DHW heute nicht, so müssten man sie auf die Stelle neu erfinden.