Interview mit dem deutschen Botschafter im Epirus

 

Für die Elliniki Gnomi: Von Sylvia Löser und Walter Bachsteffel

 

Kurze Reise – Volles Programm

Eine kurze Reise führte den deutschen Botschafter Wolfgang Dold in Begleitung von Honorarkonsulin Kerstin Lohr nach Ioannina. Dort führte er Gespräche mit dem Gouverneur, dem Generalsekretär, dem Bürgermeister und Vertretern der Handelskammer. Am Abend ging es dann ins Rathaus der Stadt Souli/Paramythia.prof gotovos links
Anderntags wurde an der Universität Ioannina anderes von ihm erwartet. Auf Einladung von Prof. Dr. A. Gotovos referierte Botschafter Dold in englischer Sprache über „Griechenland und Deutschland und das Konzept der europäischen Solidarität – in Arbeit“. Mehr als hundert Studierende der Pädagogik lauschten in der Philosophischen Fakultät der Universität.
In Lingiades, einer Opfergemeinde hoch über Ioannina, befragten wir den Botschafter zu einigen drängenden Problemen griechischer Bürger.

Herr Botschafter Dold,

Sie sind in diesen schwierigen Zeiten der höchste Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in Griechenland. Wir freuen uns, dass Sie die Tradition Ihrer Vorgänger fortsetzen, den Epirus wie auch Paramythia zu besuchen.

Als sie von Ihrem Besuch hörten, baten uns etliche Bürger spontan, Ihnen einige Fragen zu stellen. Wir tun dies gerne.

Finanzminister Stournaras sah vor wenigen Tagen „Licht am Ende des Tunnels“. Auch nach Paramythia ist mit einiger Verspätung die ökonomische Krise gekommen. Es gibt bereits Obdachlose, hungernde Schulkinder und viele geschlossene Läden. Wir hören immer: „kein Geld“.
Bürger mit gekürztem Einkommen oder geschrumpfter Rente sehen nur Schwarz, kein Licht.
Sehen Sie nach sechs Jahren Abschwung Licht am Ende des Tunnels? Ist es vielleicht nur ein entgegenkommender Zug? Wie lange dauert es Ihrer Meinung nach, den Tunnel zu passieren?

 

Botschafter Dold:
Es ist schwierig, wirklich präzise Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung Griechenlands zu geben. Aber vielleicht hilft bei der Beurteilung der Lage heute der Vergleich zum vorigen Jahr. Wo standen wir vor einem Jahr? Wir standen zwischen zwei Wahlen, wir hatten eine Interimsregierung hinter uns, wir hatten ein sehr unruhiges Frühjahr mit einigen Ausschreitungen in Athen, sie erinnern sich. Es gab zu diesem Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass sich Griechenland bald oder in absehbarer Zeit erholen würde.
Jetzt, ein Jahr später, haben wir eine stabile Regierung, die auf einer breiten politischen Koalition beruht, die unterschiedliche Grundpositionen zusammenfasst. Wir haben ein erstaunliches Maß an politischer Stabilität, die ja Grundlage für jede wirtschaftliche Erholung ist und immer mehr positive Anzeichen hier und da. Analysen, ob vom Internationalen Währungsfonds oder der EU-Kommission, deuten darauf in diese Richtung. Ich will die Entscheidung der Ratingagentur Fitch nicht überbewerten, dass jetzt 10 Monate nach Amtsantritt dieser Regierungskoalition auch die Ratingagenturen ihre Bewertungen hochsetzen, ist aber auch ein Zeichen dafür, dass sich Griechenland erholen wird.
Wie lange es tatsächlich dauert -und das ist die Frage, die viele Bürger stellen- wann sie das im eigenen Portemonnaie erleben dürfen, ist eine andere. Aber ich glaube, die Entwicklung geht endlich in Richtung Erholung.

 

Die Jugendarbeitslosigkeit nähert sich nach einem Bericht des österreichischen Handelsblatts dem katastrophalen Wert von 70 %. Im März 2013 lag sie nach Eurostat-Angaben noch bei 59,1 %
In Paramythia wie in ganz Griechenland leben zahlreiche, hart an ihrer Ausbildung arbeitende junge Menschen.
Sie fragen sich: Wofür? Für eine verlorene Zukunft?
Was können Sie den Betroffenen auf ihrem beschwerlichen Weg ins Morgen mitgeben?

 

Botschafter Dold:
Das bedrückendste an dieser Krise ist, da erzähle ich ihnen sicher nichts Neues, die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Gerade wenn man die vielen Jugendlichen an der Universität Ioannina vor sich gesehen hat, wie ich heute morgen, dann ist es ein beklemmendes Gefühl für jeden, der mit diesen jungen Leuten spricht. Man fragt sich, was sie für konkrete Lebensperspektiven haben. Diese Frage stellen sich diese jungen Leute auch. Der Eine oder Andere sagt in seiner Verzweiflung und Mutlosigkeit wohl, es nützt ja nichts, mich ausbilden zu lassen. Wofür denn auch? Das allerdings wäre eine falsche Schlussfolgerung.studierende
Wir sagten ja schon vorhin, dass Griechenland auf dem Weg zurück in die, ich will jetzt mal sagen, Normalität ist. Damit dieser Weg nachhaltig und dauerhaft ist, braucht Griechenland qualifizierte und engagierte junge Leute. Dieses Land ist auf dem Weg der Modernisierung, Nichts anderes ist das, was wir heute erleben, es ist der beschwerliche Weg in Richtung Modernisierung. Für die Modernisierung dieses Landes braucht es junge Leute, gut ausgebildete, intelligente und motivierte junge Leute. Dafür müssen sie sich ausbilden lassen. Es ist keineswegs so, dass diese Generation, verloren sei, wie wir häufig hören. Ich halte das für eine Dramatisierung eines ohnehin schon schlimmen Zustandes. Man muss den jungen Leuten Mut machen und ihnen sagen, dass Griechenland sie braucht.

 

Alle politischen Stiftungen aus Deutschland, zahlreiche NGO´s, die Deutsch-Griechische Versammlung arbeiten von A wie Ausbildungsplätze über E wie Expertenentsendung oder Erneuerbare Energien, M wie Marketingentwicklung bis U und Z wie Umwelt und Zusammenarbeit im Jugendbereich fast permanent.
Der Durchschnittsbürger erfährt darüber nur wenig – in Deutschland wie in Griechenland. Der Stinkefinger des Focus wurde anders kommuniziert.
Haben Sie Vorschläge zu einer Verbesserung der Kommunikation?

 

Botschafter Dold:_DSF2079
Sie haben richtigerweise auf das enorme bürgerschaftliche Engagement hingewiesen, welches es in Deutschland gibt. Es passt überhaupt nicht ins gerne gezeichnete Bild von Völkern, die sich völlig entfremden. Meine Erfahrung im Umgang mit den Menschen hier ist, dass Deutsche nicht persönlich auf eine feindselige Haltung stoßen. Das bürgerschaftliche Engagement, was zum Beispiel in der Deutsch-Griechischen-Versammlung mobilisiert wird und sie selbst sind ja auch Komponenten dieses zivilgesellschaftlichen Engagements, ist enorm hoch in Deutschland. Sie nannten ja einige dieser Initiativen, es läuft viel. Ich bin nicht sicher, ob es viele europäische Länder gibt, deren Bürger sich persönlich und intensiv, aber vor allen Dingen konkret hier in Griechenland vergleichbar engagieren. Warum wird es nicht kommuniziert, warum ist es nicht bekannt? Es passt nicht ins Bild. Es passt einfach nicht ins Bild, das man sich hüben und drüben voneinander machen möchte, nämlich das von zwei entfremdeten Völkern.
Wir müssen, so glaube ich, in unserer täglichen Arbeit alles daran setzen, dass dieses Engagement füreinander immer mehr Menschen erreicht, damit sie sich selbst ein Urteil bilden können. Es nützt relativ wenig, mit Interviews in Zeitungen oder in anderen Medien darauf hinzuweisen. Letztendlich interessiert es nicht so sehr wie die anderen Geschichten, nämlich die vom „faulen Griechen“ oder die vom „Deutschen, der Griechenland in die Knie zwingen will“.

 

Viele Griechen verdienten in Deutschland ihr Geld und schwärmen heute noch von dieser Zeit. Ein Viertel der finanziellen Hilfen für Griechenland kommt aus Deutschland.
Heute wird Bundeskanzlerin Merkel mit Hitlerbärtchen karikiert und hebt die „Goldene Morgenröte“ den Arm zu einem unseligen Gruß.
Was lief da schief und was ist zu tun?

 

Botschafter Dold:
Es sind zwei Themen, die sie ansprechen. Das eine ist die Stereotypisierung. Viele wissen, dass Deutschland empfindlich ist, wenn man diese Art von Stereotypen mobilisiert. Einen deutschen Politiker, eine Kanzlerin, einen Finanzminister mit Hitlerbärtchen zu karikieren und zu diffamieren, ist eine einfache Sache. Jeder weiß, dass wir Deutschen hier besonders betroffen und verletzlich sind. In der Tat könnte man über so etwas hinwegsehen oder es vom Tisch wischen, aber es verletzt uns. Und diese Verletzung ist ja genau bezweckt.
Das andere Thema in ihrer Frage ist, dass sich der Rechtsradikalismus wieder festsetzt. Ich glaube, wir haben es mit einem europäischen Phänomen zu tun, unabhängig von der jeweils herrschenden wirtschaftlichen Lage. Anders ist nicht zu erklären, dass wir dieses Phänomen in Griechenland, aber auch in Finnland haben, in zwei Ländern, die unterschiedliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen haben. Es hat etwas damit zu tun, dass viele in einer Zeit der Unsicherheit glauben, sich mit scheinbar einfacheren nationalen Lösungsmodellen besser über Wasser halten zu können. Deshalb erfreuen sich diejenigen, die nationale Lösungswege anbieten, großen Zulaufs. Überall in Europa, auch in Griechenland.
In Griechenland gibt es wie in jedem Land eigene zusätzliche Probleme. Es ist das Problem der starken irregulären Einwanderung und der gleichzeitigen wirtschaftlichen Depression. Aber letztendlich ist es ein europäisches Phänomen. Was ist zu tun, fragten sie. Ich glaube, dass man vor allem nicht verharmlosen darf. Ich glaube, man muss den Rechtsradikalismus mit allen Mitteln des Rechtsstaates politisch bekämpfen. Ich kann es jetzt nur am Beispiel Griechenland beurteilen, der Befund dürfte aber überall gelten. Rechtsbrüche und Gewalttaten bis hin zu Körperverletzungen gilt es unnachsichtig zu verfolgen. Diese Leute gehören politisch geächtet.

 

Politische Kreise in Griechenland, auch die Ikone des nationalen Widerstands, Manolis Glezos, fordern einen dreistelligen Milliardenbetrag zur Abgeltung von Nazischulden. 92 Gemeinden in GR sind als Opfer brutaler Verbrechen von Wehrmacht und SS anerkannt. Ein Klageweg scheint nach dem Urteil von Den Haag verbaut. Ein politisches Signal scheint überfällig.
Wie könnte ein solches Signal aussehen?

am denkmal lingiades

 

Botschafter Dold:
Ich glaube, dass wir uns auch darüber wirklich Gedanken machen müssen. In diesen Jahren schwieriger deutsch-griechischer Beziehungen sollte noch einmal deutlich, vielleicht noch deutlicher gemacht werden, wie Deutschland zu seiner Vergangenheit steht. Dazu gehört aber, dass Deutsche und Griechen im Dialog miteinander bleiben und die gemeinsame Vergangenheit offen miteinander besprechen. Deutschland hat sich stets zu seiner Verantwortung dafür bekannt, dass Leid und Zerstörung von Deutschland aus über die Länder Europas gebracht wurde.
Ich sage, die Länder Europas, denn Griechenland ist leider kein Einzelfall. Wir haben es mit vielen Ländern zu tun, die mit Krieg und Zerstörung überzogen wurden.
Die zentrale Richtlinie der deutschen Politik seit dem II. Weltkrieg ist, dass dieses nie wieder passieren darf. Wir müssen gemeinsam mit den anderen europäischen Partnern – früheren Gegnern, heutigen Partnern – eine Zukunft schaffen, in der es für uns alle eine Garantie für Frieden und Demokratie gibt.
Die EU, bei allem was heutzutage kritisiert werden kann, ist ein ziemlich einzigartiges Gebilde, in dem Frieden, Demokratie, individuelle Freiheit und Menschenrechte gewährleistet sind. Ich glaube nicht, dass es sehr viele Regionen auf dieser Welt gibt, wo dieser Zustand durch eine willentliche politische Entscheidung aller einzelnen souveränen Länder geschaffen wurde. Deutschland hat sich, was die europäische Integration anbelangt, immer aktiv eingebracht. Deutschland ist immer an der Seite derer, die für mehr politische Integration stehen. Das ist das Vermächtnis unserer Vergangenheit, daran müssen wir weiterbauen.
Was Griechenland anbelangt, müssen wir Augen und Ohren offen halten, wenn wir wie jetzt in Paramythia wieder einmal erkennen müssen, was unsere Vorväter hier getan haben. Ratlosigkeit und Entsetzen über diese Untaten befördern das Bewusstsein, dass wir hier eine ganz besondere politische und moralische Verantwortung tragen. Dieses Bewusstsein müssen wir erhalten.

 

Sie kommen eben von einer Vorlesung bei der Universität Ioannina, wo sie vor etwa 100 Studierenden über die deutsch-griechischen Beziehungen referierten. Stimmt sie die zahlreiche Teilnahme der Pädagogik-Studierenden und späteren Meinungsbildner zuversichtlich?

 

Botschafter Dold:_DSF2109
Man sieht, wenn man in die wachen Gesichter dieser jungen Leute schaut, dass hier die Zukunft Griechenlands vor einem sitzt. Das erfüllt mich mit großer Zuversicht für dieses Land. Aber diese wird gedämpft durch die Sorgen, die diese jungen Leute haben. Sorgen um ihre eigenen, beruflichen und persönlichen Perspektiven in diesen Zeiten der Krise. Diese Sorgen übertragen sich natürlich auf jeden, der ihnen begegnet. Es ist unbedingt nötig, dass die Menschen, wie all die anderen jungen Leute, die in ähnlichen Schwierigkeiten stecken, irgendwann ihre Sorgen wieder loswerden.
Das wäre mein allergrößter Wunsch.

 

Herr Botschafter Dold, wir danken für dieses Gespräch.