Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,

wir sagen Ihnen συγγνώμη.

Die in Deutschland lebenden griechisch-stämmigen Menschen, werden seit Monaten mit den oft lästigen Fragen über die Wirtschaftskrise in Griechenland konfrontiert und müssen Rede und Antwort stehen. Das ist bestimmt keine einfache und erfreuliche Aufgabe. Und mit den heutigen (6.10.11) Bildern aus den Demonstrationen in Athen wird diese Arbeit bestimmt nicht leichter. Denn, wie sollen wir unseren Gesprächspartnern in Deutschland, diese, wohlgemerkt von einer kleinen protestierenden Minderheit, niveaulose und contra produktive Parolen erklären?

Die gerechten Demonstrationsziele der überwiegenden Mehrheit, werden dadurch in den Schmutz gezogen. Schade. Die Milliardenschulden schädigen den Namen Griechenlands bei weitem nicht in dem Maße, wie das Verhalten dieser Wenigen es tut. Wir, vom Vorstand der griechischen Wissenschaftlern und Intellektuellen in Baden-Württemberg, entschuldigen uns bei unseren Mitmenschen in Deutschland und bitten sie, weiterhin dem griechischen Volk bei der Durchsetzung seiner respektablen Ziele solidarisch beizustehen. Denn die Griechen demonstrieren für eine neue gerechte Gesellschaft. Das was in Griechenland gerade passiert, geht uns allen an. Die Ungerechtigkeit muss bekämpft werden, egal wo sie existiert oder neu auftritt. Die momentane Wut der Menschen in Griechenland kann folgendermaßen beschrieben werden: Man weiß, dass der griechische Staat mehr als 300 Milliarden Euro Schulden hat. Man weiß auch, dass ca. 2.000 griechische Bürger mehr als 840 Milliarden Euro auf den schweizerischen Banken beiseite gebracht haben und man verlangt, dass dafür die griechischen Rentnerinnen und Rentner aufkommen sollen.

Gewiss, hier wird die Lage etwas überspitzt formuliert. Es soll nur gezeigt werden, dass die Athener Proteste alternativlos sind und dass in solchen Situationen die Pflicht eines jeden Menschen ist, für Veränderungen zu sorgen und für sie zu kämpfen. Denn die Wirtschaftslage in Griechenland, dieses Mal ohne Übertreibung, sieht so aus:

Griechenland, genauer gesagt, die griechischen Regierungen, tragen die Haupt-Verantwortung für die momentan katastrophale Wirtschaftslage des Landes. Wenn heute die Menschen in Athen und anderswo auf die Straße gehen, protestieren sie, abgesehen von ein paar Wenigen, gegen eine korrupte Politik und kämpfen für eine soziale Gerechtigkeit. Korruption und soziale Ungerechtigkeit gibt es leider überall. Diese „Krankheiten“ sind nicht erblich sondern systembedingt. Sie lassen sich auch mit immer mehr Krediten nicht heilen. Die Protestierenden in Athen gehen nicht deswegen auf die Straße. Sie wollen keine fremden Kredite. Griechenland hätte genügend eigenes Geld, wenn:

  • die Euro-Länder Griechenland helfen würden, ein korruptionsdichtes und sozialgerechtes Steuererfassungssystem aufzubauen. Würde der Staat die ihm rechtlich zustehenden Gelder einsammeln können, dann hätte er, laut Handelsblatt, mehr als 30 (!!) Milliarden Euro Einnahmen pro Jahr.
  • die Euro-Länder und insbesondere Deutschland und Frankreich den NATO-Ländern Griechenland und Türkei keine Rüstungswaffen verkaufen würden. Dafür hätte Griechenland jährlich ca. 12 Milliarden Euro weniger Staatsausgaben.
  • die Euro-Länder politischen Druck auf die Schweiz ausüben würden, um sie zu veranlassen, endlich Schluss zu machen, den Steuerhinterziehern und allen anderen Betrügern Schutz zu gewähren. Dafür hätte Griechenland jährlich mehr als 10 Milliarden Euro auf der Habenseite.

Leider kommen in den Medien diese Fakten nur sporadisch vor. Der Vorstand der griechischen Wissenschaftler und Intellektuellen in B-W empfiehlt deshalb den mächtigen Männern und Frauen Europas, alles zu tun, um endlich das Bankgeheimnis abzuschaffen.

Den griechischen Ministerpräsidenten fordern wir auf, den längst überfälligen Schritt zu machen und offiziell von der schweizerischen Regierung, die Namen der griechischen Kontoinhaber zu verlangen. Dass dieser Schritt seitens der griechischen Regierung noch nicht vollzogen ist, ist uns unverständlich. Jeder gesund denkende Mensch, kann es nicht verstehen, warum in einer zivilisierten Welt, Kriminelle und Betrüger, von zivilisierten Staaten, wie z.B. der Schweiz, geschützt werden. Die Protestierenden in Athen kämpfen um eine Lösung für dieses Problem. Das wäre, sollten sie es erreicht haben, ein großer Sieg. Ein Sieg der Athener für Griechenland, für Europa und für die ganze Welt. Und Athen würde für die Welt wieder das sein, was es immer war. Nämlich Athen, die Wiege der Demokratie.

Vereinigung Griechischer Wissenschaftler und Intellektueller Baden Württemberg

Dr. Konstantin Karras, Präsident
Ioannis Moisidis, Sekretär