Schätze des Epirus

Koronisia

Byzantinische Kirche Geburt Mariens

Kapelle des Seligen Onouphrios.

Von Sylvia Löser – Walter Bachsteffel.

Wir haben die Wahl. Steht uns der Sinn nach Meerblick oder nach Bergen und Wald? In jedem Fall wird es eine unterhaltsame Reise. In jedem Fall genießen wir die Schönheiten des Epirus, ob es nun kristallklares Wasser oder lauschige Wälder sind. Von Paramythia kommend quert die Straße den Acheron, den Fluss in die antike Unterwelt, grüßen später die riesigen Marmorstatuen der Frauen von Souli von ihrem exponierten Standort herab und erinnern an die erbitterten Kämpfe zwischen Griechen und osmanischen Besatzern. Den Acheron überquert die Küstenstraße ebenfalls, der dann nicht weit von hier bei Ammoudia im Ionischen Meer mündet. Ebenfalls in geringer Entfernung thront das Totenorakel, in welchem der Odysseus Homers in die Unterwelt hinab stieg, um vom blinden Seher Peiresias mehr über seine Zukunft zu erfahren. Immer für einen kleinen Abstecher gut sind auch die versteckt liegenden kleinen Klösterchen. Das alles ist schön, atmosphärisch dicht, anregend wie auch historisch wertvoll.epirus1

Aber heute nicht unser Ziel.

Wir sind auf dem Weg zur byzantinischen Kaiserstadt Arta. Aber auch dies ist eine andere Geschichte und ein anderes Mal von den Sehenswürdigkeiten zu erzählen. Als wir die historische Drei-Bogen-Brücke erreicht haben, biegen wir rechts ab, Richtung Ambrakischer Golf. 25 km von Arta entfernt liegt Koronisia. Früher Insel, ist Koronosia nun mit dem Festland durch einen langen und kurvenreichen Damm verbunden, der seit der Zeit der Militärdiktatur die Verbindung mit kleinen Booten ersetzt.

Koronisia früher auch Korakonisia genannt, ist die größte und einzige bewohnte Insel im Ambrakischen Golf. Das gleichnamige Fischerdorf auf ihr gehört mit zwei Kirchen und einer Burgruine zu den Ausflugszielen der Gemeinde Arta, welcher die Insel seit 2011 eingemeindet ist.

Koronisia ist der nordwestliche von drei kleinen Kalkfelsen, die sich rund 17 km südlich der Stadt Arta, etwa in der Mitte des Ambrakischen Golfs bis fünf Meter über die Wasseroberfläche erheben. Mit den beiden anderen Inselchen Pethameno und Peranisi ist Koronisia durch Nehrungen verbunden, zusammen umschließen sie die kleine Sakouletsi-Lagune. Nördlich von Koronisia erstreckt sich die Logarou, die größte Lagune des Ambrakischen Golfs. Eine rund sechs Kilometer lange Nehrung mit einer Asphaltstraße verbindet Koronisia nordwestlich mit dem alten, kleinen Hafen Salaora und dem Festland. Koronisia ist das Zentrum eines Natur- und Vogelschutzgebiets, das die Logarou-Lagune und das nahe gelegene Arachthos-Delta umfasst. Vor allem Wasservögel leben in dem Feuchtgebiet, so der Krauskopfpelikan und einige Reiherarten, darunter Rallen- und Purpurreiher. Leider scheinen die Naturschutzbestimmungen eher als Hinweis, denn als Vorschrift beachtet zu werden, wie Aluminiumstreifen verraten, deren verbotenes Flattern Pelikane abhalten soll

Südlich von Koronisia befinden sich sieben kleine Inselchen, die als Korakonisia‚ (Rabeninseln) bezeichnet werden, ein Name, der sich möglicherweise auf mit den Fischern konkurrierende Kormorane bezieht und den auch Koronisia ursprünglich trug.

Eine Statistik des Osmanischen Reichs wies 1895 für Koronisia, 48 männliche und 37 weibliche Bewohner aus. Arta war damals schon mit Thessalien an Griechenland gefallen, der Arachthos war der Grenzfluss. Nach der Angliederung an Griechenland infolge des Vertrags von London fiel 1913 die Insel an Griechenland und erhielt 1919 den Status einer Landgemeinde in der Präfektur Arta. Von 1925 bis 1974 gehörte die Gemeinde zur Präfektur Preveza, gelangte dann zu Arta zurück und wurde 1997 mit zahlreichen Nachbargemeinden zur neuen Gemeinde Amvrakikos zusammengeschlossen, die schließlich 2011 nach Arta eingemeindet wurde.

Umarmt vom ambrakischen Golf, erhebt sich auf dem Hügel wie ein einsamer Wächter über Land und See als Überbleibsel eines einst blühenden Klosters eine kleine Kirche. geweiht der Geburt der Gottesgebärerin (Gennisi Theotokou)[1],. Es handelt sich um eine der ältesten Kirchen der byzantinischen Stadt Arta. Die Ursprünge der dreischiffigen Kirche aus spätbyzantinischer Zeit, gehen ins Ende des 10. Jahrhunderts zurück. Um diese Kirche existierte ein Kloster, das 1193 zum ersten Mal schriftlich erwähnt ist, aber 1918 aufgegeben wurde. Die Kirche wurde mehrfach umgebaut, vor allem um 1670, 1870 und im 20. Jahrhundert. Sie dient heute als Pfarrkirche. Eine kleine Kapelle ist dem Asketen Onuphrios von Preveza geweiht, der hier im späten 18. Jahrhundert wirkte und den Glockenturm vor der Kirche errichtet haben soll. Auch der Brunnen des Klosters ist erhalten. Während der venezianischen und zu Beginn der Türkenherrschaft beherbergte dieses Kloster zahlreiche Mönche und war besonders wohlhabend. Es folgte allmählicher Niedergang, bis es schließlich zu Ende des letzten Jahrhunderts von den Mönchen verlassen und zur Ruine wurde.

Nach soviel Historie aus guten wie beschwerlichen Jahren, nun eine gute Nachricht. Die kleine Kirche erblüht derzeit zu neuem Glanz. Archäologen legten in vier Jahren Arbeit prachtvolle Außenfassaden frei, die Kirche Geburt Mariens sucht nun im wahrlich an Kirchen reichen Griechenland ihresgleichen an Schönheit. Wenn der Besucher Pappa Georgios findet und dieser den großen Schlüssel im Tor dreht, tun sich dem Besucher weitere Wunderwelten auf. Eine renovierte Ikonostase aus dem 16. Jahrhundert zieht mit einer Fülle von geschnitzten Details ebenso in den Bann wie farbenprächtige Wandgemälde, ehedem unter schnödem Kalkputz verborgen. Gegenüber dem Templon ist das Fresko des Todes von Maria zu bewundern, natürlich mit der menschlichen Darstellung von Sophia (Weisheit) und Philosophia. Geburt und Himmelfahrt der Mutter Gottes sind wesentliche Faktoren orthodoxer Theologie, orthodoxen Glaubens. Hier kommen sie in der eindringlichen Atmosphäre einer schönen Kirche besonders in Erinnerung.

Immer noch zeugen Stapel von Platten, Sand und Zement von archäologischer Bemühung. Pappa Georgios erwähnt leichthin, dass er wegen der Arbeiten seit vier Jahren keinen Urlaub machte und wird erst traurig, als die ökonomischen Schwierigkeiten zur Sprache kommen. Überdeutlich wird Geldmangel an einem einzigen Stein. Allerdings einem extrem wichtigen. Gestützt von drei Stahlträgern hängt der riesige Schlussstein aus dem Bogen zum inneren Narthex. Ohne solch provisorische Stützung wäre das Schicksal dieser Kirche nicht auszudenken, wenn der Stein abstürzen würde.

Natürlich drehen wir auch eine Runde im Außenbereich. Von vielen Arbeiten an der Kirche über die Jahrhunderte künden noch zahlreiche, gut erkennbare frühere Fenster und Türen, die irgendwann zugemauert wurden. Ein riesiger Mühlstein liegt auch noch da. Wer den wohl jemals bewegt hat? Auch der ehemalige Klosterfriedhof birgt Ungewöhnliches. Ein großer, fein gearbeiteter Steinblock gibt Rätsel zu seinem Verwendungszweck auf. Pappa Georgios spricht davon, dass es sich um einen Altar aus Nikopolis, der Stadt des Sieges, handeln könne. Ganz sicher aber ist er nicht. Schon wieder Historie.

Zur Erinnerung: Fast in Sichtweite gegenüber am Ionischen Meer liegen die bemerkenswerten Überreste dieses römischen Siegeszeichens. Die Stadt wurde 31 v. Chr. durch Octavian, den späteren römischen Kaiser Augustus, gegründet, nachdem dieser am 2. September 31 v. Chr. die Flotte von Marcus Antonius und Kleopatra VII. in der Seeschlacht bei Actium geschlagen hatte. Die Schlacht war Teil des Machtkampfes zwischen Octavian und Antonius nach dem Tod Julius Caesars. Zu ihrer Blütezeit sollen 320.000 Menschen in Nikopolis gewohnt haben. Nikopolis zählte zu den frühen Christenstädten. Bereits 62–63 n. Chr. wurde es vom Apostel Paulus auf seiner Reise nach Rom besucht. Bei Ausgrabungen wurden sechs Basiliken gefunden, die vermutlich aus dem 4. Jahrhundert stammen. Im Jahr 1032 zerstörten Bulgaren Nikopolis, die damit das Ende der Stadt besiegelten. Zwar wurde sie teilweise wieder aufgebaut, erreichte aber nicht mehr ihre alten Dimensionen. Das Zentrum verlagerte sich nach Préveza.

Wir freuen uns jedenfalls über die Vorstellung, dieser Steinblock oder Altar könne eine Basilika von Nikopolis geziert und dann seinen Weg nach Koronisi gefunden haben.

Der Platz vor der Kirche und den Resten der Klostermauer scheint fast kreisrund. Er wird begrenzt von einer kleinen Schule, einigen Stufen in abgerundeter Amphitheateranmutung und der oberhalb dieser Stufen stehenden Kapelle des Onuphrios. Nein, diese Kapelle ist nicht Onouphrios dem Großen gewidmet, da dieser um etwa 400 n. Chr. bereits verstarb. Die sehr kleine, einschiffige Kuppelbasilika (Innenraum 2,40 m Breite und 3,80 m Länge[2]) aus dem 13. Jahrhundert, ehrt das Andenken an den Priester, Maler und Mönch, der hier als Asket Onouphrios lebte und nach seinem Tod (etwa um 1780) im Inneren des Kirchleins begraben wurde. Der Name Onouphrios fand in Ägypten schon früh als Vorname Verwendung und wird auf de Beinamen „Wen-nefer“ des ägyptischen Gottes Osiris zurückgeführt und bedeutete „Das ewig gute Wesen“.

All zuviel weiß man über den Seligen Onouphrios aus Preveza nicht. So wird angenommen, dass er aus Berati im heutigen Albanien oder aus der Gegend von Kastoria und Grevenna stammt. Selbst seine ethnische Abstammung, ob nun Albaner oder Grieche, ist umstritten. Immerhin scheint seine Position innerhalb der kirchlichen Hierarchie herausgehoben gewesen zu sein. N. Panellis bezeichnet sie in seinem Buch „Koronisia, das Herz des Ambrakikos“[3] als Protopappas, als Erster Priester.

Zur Zeit des Onouphrios hatte die gesamte Insel kein Wasser. Die Mönche des Klosters waren ebenso wie die wenigen Einwohner gezwungen, in allerlei Gefäßen das benötigte Süßwasser mit dem Boot aus der Gegend um Arta zu holen. Um dieser mühseligen Prozedur abhelfen zu können, grub Onouphrios nach mehreren Fehlversuchen nahe dem Kloster einen Brunnen[4]. Wasserstand und Qualität sind bis heute gleich geblieben. Umso erstaunlicher, als Kirche und Kloster auf der flachen Insel und so nahe am Meer nur eine Höhe von etwa fünf Metern erreichen. Das Alter der Entstehung kann aus den Seilriefen abgelesen wurden, die sich bei der Wasserentnahme tief in den Umfassungsmarmor eingruben.

Es ist etwa zwei Uhr, der Wind frischt deutlich auf. Am Strand rollen die ersten Wellen an. Eine regelmäßige Erscheinung, wie man uns versichert. Der aus Richtung Ionischem Meer kommende Wind hat kuriosen Folgen Die nach dort weisenden Grundstücke seien deutlich teurer im Verkauf. Die nach Arta gelegenen bekommen nur wenig von der nachmittäglichen Erfrischung ab, was sich deshalb auch im Preis auswirke

Und da sind sie auch schon. Parallel zum Strand blähen sich die Segel der Kite-Surfer und reißen die Sportler rasant durch die Wellen. Es sieht gut aus wenn wir vergessen, dass auch dieser Sport im Naturschutzgebiet Ambrakikos verboten ist. Selbst die Fahrzeuge der Ranger des Schutzgebietes scheinen nur unwesentlich langsamer zu werden und weg zu sehen. Als wir beim Essen sitzen, sind wir schon weniger empört. Nach den Genüssen, welche dem historisch und ästhetisch Interessierten geboten wurden, kommt nun der Magen zu seinem Recht. Die Zahl der Fischgerichte, welche im „Patentas“ oder bei „Martha“ angeboten werden, ist schier endlos. Leckere Vorspeisen, gut zubereiteter, frischer Fisch, kühler Wein, ein Eis als Nachtisch, das Leben ist schön. Dessen sind wir sicher, als wir bei Michalis am Hafen einen abendlichen Tsipouro geniessen, den Fischerbooten bei der Ausfahrt zusehen und dann den perfekten Sonnenuntergang erleben dürfen. Wirklich, das Leben ist schön. Wir werden wiederkommen.

Fotos: Walter Bachsteffel

 

 

 

[1] Touristeninformation Ambrakischer Golf

[2] Aus den Notizen von Konstantinos Rossos

[3] Κορονησια, Η καρδια τοu Αμβρακικοθ, Πετρα 2011, ISBN: 978-950-7815-24-8

[4] Πανελλις Ν. Κορονησια, Η καρδια τοu Αμβρακικοθ, Πετρα 2011, ISBN: 978-950-7815-24-8