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Liebe orthodoxe Christen in Deutschland,

zehnmal haben wir heute im Morgengottesdienst des Weihnachtsfestes das Wort „heute“ vernommen. Die Hymnen unserer Kirche sagen uns: Heute wird Christus in Bethlehem von seiner allreinen Mutter geboren, und heute jubelt die ganze Welt über dieses Ereignis. Darin besteht die Kraft unserer Kirche: In unseren Gottesdiensten erinnern wir uns nicht einfach nur an Personen und Geschehnisse der Vergangenheit. Vielmehr werden sie uns gegenwärtig durch die Gegenwart des Heiligen Geistes im Hier und Jetzt unseres Lebens.

Hier und jetzt sind sogar auch diejenigen gegenwärtig, die vor Christus gelebt haben, die Heiligen und Gerechten des Alten Bundes, wie z. B. der heilige Prophet Habakuk, der in einem dieser Hymnen erwähnt wird:

«Des Menschengeschlechtes Neuschöpfung

hat einst im voraus verkündet Habakuk, der Prophet,

da er unsagbar gewürdigt ward, im Bild sie zu schauen.

Denn als neugeborenes Kindlein trat aus dem Berg,

trat aus der Jungfrau der Logos hervor,

neu zu schaffen die Menschheit.»

Der hl. Prophet Habakuk lebte sieben Jahrhunderte vor Christus und ist uns doch bis heute bekannt wegen seines Dialogs mit Gott. In diesem Zwiegespräch stellt der Prophet jene grundlegende Frage, die die Menschen aller Zeiten beschäftigt: Wie ist es möglich, dass der heilige und gerechte Richter es zulässt, dass das Böse überwiegt? In seiner Klage sagt er Dinge, von denen man glauben könnte, sie seien heute geschrieben:

„Herr, wie lange soll ich schreien, und Du willst nicht hören?

Wie lange soll ich zu Dir aufschreien, wenn ich Unrecht erleide, und Du willst nicht helfen?

Wozu zeigtest Du mir Mühen und Beschwernisse, zu sehen Mühsal und Gottlosigkeit?

Gegen mich ist ein Urteil ergangen, und der Richter raubt.

Darum ist das Gesetz missachtet, wird der Rechtsstreit nicht zu Ende geführt.

Denn der Gottlose unterdrückt den Gerechten. Darum wird ein falsches Urteil ergehen“ (LXX Habakuk 1,2-4).

Auf diese Frage antwortet der Prophet, dass Gott auf für den Menschen unergründlichen Wegen den endgültigen Sieg des Gerechten, der dank seines Glaubens an Gott und seines gerechten Handelns leben wird, vorbereitet.

Die Väter unserer Kirche verbinden diese Vision des Propheten mit dem Einschreiten Gottes, mit der Geburt seines einziggeborenen Sohnes, die der Anfang seines Plans zur Erlösung der Menschen ist. Für Christus gilt das Wort des Propheten:

„Seine Kraftbedeckte die Himmel,

und die Erde ist Seines Lobes voll.

Und Sein Leuchten wird sein wie Licht, Hörner in Seinen Händen.

Und Er richtete auf die kraftvolle Liebe Seiner Stärke“ (Habakuk 3,3-4).

Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit, der Friedensfürst, der Einzige, der uns aus der mondlosen Finsternis unserer Sünde und unseres Versagens befreit und uns mit uns selbst und mit unserem Nächsten versöhnt. Er allein kann uns jeden Tag zu Taten der Gerechtigkeit und des Friedens bewegen, so dass die Welt in uns und um uns herum an Schönheit gewinnt. Das Kind, das heute in Bethlehem geboren wird, verlangt von uns kein anderes Geschenk als dieses, dass wir Kinder Gottes (s. Joh 1,12) werden, indem wir auf Ihn vertrauen. Wir vertrauen nicht etwa der Liebe als einer abstrakten Idee, sondern wir vertrauen dem Gott, der selbst Liebe ist – gemäß dem Wort der Schrift: „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1 Joh 4,16).

Heute erneuern wir unseren Glauben an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, „der im Schoß des Vaters ist“ (Joh 1,18). Heute erneuern wir unser Vertrauen auf Ihn, denn Er allein kann uns ebenso in Seinem Schoß bergen! Das wünsche ich väterlich uns allen, damit das heutige Weihnachtsfest wahrhaft gesegnet sei!

 

Bonn, am 25. Dezember 2019

 

Euer

+ Metropolit Augoustinos von Deutschland