Berlin: Für die ELLINIKI GNOMI Athanasia Theel

„Yasou Aida!” Eine deutsch – griechische Koproduktion und die Frage, was Verdis Aida mit der problematischen Lage Griechenlands gemein hat.
Die Krise in Griechenland scheint auf dem Höhepunkt. Fragen über Fragen in der Eurozone, wie mit dem untergehenden Land umgegangen werden soll, Demonstrationen auf den Straßen Griechenlands  und schließlich die Opfer dieser Tragödie. Daraus hat sich die Idee „Yasou Aida!“ entwickelt. Mit dem Feuertod dreier Bankangestellter der Marfin Bank in Athen am 06.05.2010, durch Würfe von Molotowcocktails aus einer laufenden Demonstration in die einzig geöffnete Bankfiliale an diesem Tag verursacht, wurde die Idee weiter voran getrieben. Das Ergebnis, die Autoren und weitere griechische Künstler aus Athen und Thessaloniki dürfen wir nun mit „Yasou Aida!“ in Berlin begrüßen.
In der Uraufführung des zeitgenössischen Musiktheaters „Yasou Aida!“ am 19.01.2012 in der Neuköllner Oper (Berlin) haben Kharálampos Goyós (Arrangement), Dimitris Dimopoulos (Text) und Alexandros Efklidis (Idee) eine Neufassung zu Verdis „Aida“ hergestellt. Zusammen mit dem Dramaturgen Bernhard Glocksin wurde die Idee entwickelt und mit verschiedenen deutschen sowie griechischen Künstlern  unter Koproduktion mit der Thessaloniki Concert Hall und The Beggar’s Opera, Athen bis zur Vollendung gebracht. Die Frage nach der Parallele zur postkolonialen Oper Verdis ist schnell mit dem Besuch der Vorstellung beantwortet.

Die Geschichte erzählt von der talentierten Griechin Elpida, die sich als Praktikantin der Europäischen Zentralbank (EZB) beweisen muss und sich in Rainer Mess verliebt, der Beauftragter zur Überwachung der Umsetzung der Sparauflagen Griechenlands ist. Die beiden beginnen eine Affäre, aber auch die Chefin der jungen Praktikantin, Anna Riche, hat Interesse an dem aufstrebenden EU-Sparkommissar.

Rainer Mess vollzieht im Laufe der Handlung eine Wandlung und sieht die Fehlerhaftigkeit seines Handelns mit all ihren Konsequenzen für die griechische Bevölkerung in Folge der Sparauflagen ein. Er widersetzt sich, landet vor dem Untersuchungsausschuss der EZB und wird als Verräter gebrandmarkt und entlassen. Auch Anna kann ihn nicht mehr retten. Elpida aber setzt ihre Karriere fort. Dabei scheint sie ihre vorhergehende Identitätskrise aus ihrem Dasein als Griechin und der endgültigen Unterstützung des heiligen Finanzmarktes überwunden zu haben.
In Verdis Oper verliebt sich der Großmacht zugehörige ägyptische Hauptmann Radames in die unterworfene äthiopische Königstochter Aida. Nachdem Radames nicht länger für die Übermacht Ägypten Krieg führen will, wird er in Folge des Verrates umgebracht. Im Gegensatz zu Elpida folgt Aida ihm mit in den Untergang. Neben der Liebesgeschichte zeigt sich die Parallele zur Oper Verdis in dem Machtapparat der Finanzoligarchie, ausgedrückt in der Szenerie der Europäischen Zentralbank (entsprechend der Übermacht Ägyptens) und Griechenland (dem unterjochten Äthiopien gleichgesetzt). So ergibt sich eine interessante Mischung aus einer Geschichte über die Liebe und den politischen Abläufen.

Während der Vorführung umrandet das Publikum die Kulisse, welche die Räume der EZB darstellt. Schon beim Betreten des Vorstellungssaales muss man teilweise den Raum der EZB durchschreiten, um zu den Zuschauerplätzen zu gelangen. Der Raum ist für eine Oper nicht groß, eher untypisch, im Vergleich zu Verdis monumentaler „Aida» erscheint die gesamte Produktion winzig,  und doch kommen der Gesang und die musikalische Begleitung mit originalgetreuer Musik aus der Oper Verdis beeindruckend zur Geltung. Unter der musikalischen Leitung von Kharálampos Goyós (Hans-Peter Kirchberg und Lam Tran Dinh übernehmen künftige Spieltermine) erfolgt eine interessante Durchmischung des neugefassten Operngesangs mit der Musik Verdis. Dabei wird auf griechisch, deutsch und englisch gesungen, und der Zuschauer kann zwischenzeitlich den Klängen der griechischen Bouzuki lauschen.

Die kleine Drachme, das böse Schwein

Mit viel Witz und Komik schneidet Fabian Martino in der Rolle des Rainer Mess den kleinen Schweinchen Griechenlands aus den verschiedenen Sektoren wie Kunst und Kultur die Gelder ab. Mit einer großen Schere jagt er die kleinen Schweine und durchschneidet die Schecks von der EZB. Kurz zuvor hat die kleine Drachme als das böse Schwein gegenüber dem heiligen Euro einen Auftritt. Dabei gelingt es den Darstellern eine gewisse Komik zu erzeugen, die dem brisanten Geschehen die Ernsthaftigkeit im Hinblick auf die gegenwärtige Lage des hellenischen Landes nimmt. Elpida, gespielt von Lydía Zervanos, und Anna Riche (Sirin Kilic) geraten kurz danach aneinander. Dabei kommen weitere Stereotypen aufs Tapet, die als typisch griechisch gelten, zum Beispiel «der stolzlose Grieche, der sich nimmt, was ihm nicht gehört».
Im persönlichen Gespräch mit dem griechischen Finanzminister Manos Stavrou (gespielt an diesem Abend von Arkadios Rakopoulos) wird Elpida mit einem Politiker konfrontiert, der in vorgefertigten Sätzen spricht und meint, alle Ideen bereits zu kennen, die seinem Land helfen könnten. Auf die jüngere Generation will er nicht hören. Manos Stavrou zeigt sich als ein Mitglied des Systems und stellt sich unter die Maßnahmen der EZB ohne jegliche Zweifel und Skrupel. Obwohl Elpida seiner verfestigten Haltung zunächst entgegentritt, muss sie schließlich ihre Versuche, ihn  vom Gegenteil zu überzeugen, aufgeben.

Jeder hat Recht. So ist das in der Demokratie

Im Verlauf wird das Publikum zur Abstimmung gebeten und hat die Wahl zwischen der „gefühlsmenschlichen» Entscheidung für eine Umschuldung Griechenlands und dem „rationalen Schluss», dass das Krisenland ein Land der Betrüger sei. Als „Extrachor» ist das Publikum geteilt und ruft wie auf einer Demonstration: „Umschuldung!» versus „Betrüger» – ergebnislos im Endeffekt, denn: „So ist Demokratie», formuliert das Libretto lakonisch.

Die Anklage des Vergehens selbst zu denken

Viele Aspekte der Krise und der Beitrag der Vorurteile dazu kommen im Laufe der Handlung zur Geltung, und am Ende zeigt sich, dass es wohl keinen einzig wahren Weg gibt. Das Urteil über Rainer Mess erscheint absurd, denn ihm wird das Vergehen, selbst gedacht zu haben, zur Last gelegt. Seine Bestrafung hinterlässt neben aller Komik und Witz der Darstellung einen nachdenklichen Beigeschmack.

So lässt das Ende die Frage einer Lösung der Krise Griechenlands offen und wirft noch einige mehr auf. Muss es so sein, dass eine Griechin wie Elpida trotz ihres Talents ihr Land verlassen muss um erfolgreich zu werden? Kann es sein, dass der Finanzmarkt in der Maske eines makellosen Systems wie der Unterdrücker eines ganzen Volkes wirkt? Letztendlich zeigt sich, dass bei dieser Produktion die Kunst im Vordergrund steht und die Menschen auch in schwierigen Zeiten zum Lachen bringen soll, was bei dieser Uraufführung allemal gelungen ist. Spannend, ob dies auch vor dem griechischen Publikum der Fall sein wird, bei der Vorstellung von „Yasou Aida!“ im März in Thessaloniki.