Prof. Dr. Thede Kahl (Wien, Jena)

1. Juli 2010, 20 Uhr c.t.

Fürstenberghaus, Hörsaal F6, Domplatz 20-22, Münster

http://www.uni-muenster.de/ZypernInstitut/

Durch Übergriffe der Araber und die Herrschaft der Kreuzfahrer war Zypern im Mittelalter über Jahrhunderte von der übrigen griechischsprechenden Welt abgeschnitten. Hierdurch wurden manche Charakteristika des mittelalterlichen Griechisch bewahrt, und andere Einflüsse wirkten auf das Zypriotische Griechisch ein. Somit ist das Griechische Zyperns auch für gute Kenner des Standardgriechischen nur schwer verständlich.
Das Standardgriechische weist Gemeinsamkeiten mit seinen nördlichen Nachbarsprachen auf, ohne mit diesen genetisch verwandt zu sein. Mit dem Albanischen, Bulgarischen und Rumänischen teilt es beispielsweise den Infinitivverlust und den Zusammenfall von Dativ und Genitiv. Diese als „Balkanismen“ bekannten Gemeinsamkeiten werden meist mit direktem Sprachkontakt und balkanischer Mehrsprachigkeit begründet. Durch die große Entfernung Zyperns vom Balkan könnte man annehmen, dass das Zypriotische Griechisch kaum Balkanismen aufweist. Um dieser Frage nachgehen zu können, werden zunächst die allgemeinen Charakteristika des Zypriotischen und seine Stellung zum Standardgriechischen dargestellt. Im Anschluss daran wird gefragt, was am Zypriotischen balkanisch bzw. nicht-balkanisch ist und welche Rückschlüsse man daraus auf den Balkansprachbund, seine Entstehung und seine Entwicklung ziehen kann.

Thede Kahl studierte Geographie, Slawistik und Byzantinistik in Münster, Köln und Moskau, promovierte 1999 mit einem Thema zu den Aromunen Südosteuropas, habilitierte sich 2007 in Wien mit einem kontaktlinguistischen Thema zu den Wanderhirten und ist seit 2010 Professor an der Universität Jena. Sein Schwerpunkt liegt auf der Feldforschung zu Minderheiten in Südosteuropa und im Schwarzmeerraum, wobei er vor allem über nichtstandardisierte Dialekte südosteuropäischer Sprachen arbeitet.