Tagebuch eines griechischen Euro

Jorgo Chatzimarkakis liefert einen Beitrag zur zeitgenössischen Literatur und beschreibt die Eurokrise.

Von Phedon Codjambopoulo.

Der Präsident der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung hat zur Feder gegriffen. Literarisch setzt er sich mit der Eurokrise und insbesondere mit dem schwieriger gewordenen deutsch-griechischen Verhältnis auseinander, das ihm offensichtlich am Herzen liegt. Jorgo Chatzimarkakis ist Deutsch-Grieche, langjähriger Europaabgeordneter, war kurzzeitig Sonderbotschafter für Griechenland und ist heute Autor und Unternehmer. Als geschäftsführender Gesellschafter in Deutschland entwickelt er Seniorendörfer und Rehabilitationszentren auf Kreta. Der frühere FDP-Politiker saß von 2004 bis 2014 im Europaparlament und war Zeuge des deutsch-griechischen Dramas aus dem Inneren des vermeintlichen Herzstücks der europäischen Demokratie. Auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise war sein Urteil in vielen Talksendungen im deutschen wie auch im griechischen Fernsehen sehr gefragt. Man muss ihm zugestehen, dass er auch aus dem griechischen Wahlkampf, den er für seine „Hellenischen Europabürger“ führte, viele Detailkenntnisse der Besonderheiten der griechischen Eurokrise mitbringt, die in dieser Form wenige Politiker sammeln konnten. Schließlich kannte er die deutschen Entscheidungszentren aus eigener Anschauung bevor er über das Engagement für Griechenland auch das politische Athen kennen lernte.vivlio1

 

Wie kann man so viele Hintergründe in einer Form präsentieren, die es auch dem ökonomisch ungebildeten Leser ermöglichen, sich ein Bild über die Hintergründe der Eurokrise zu machen? Chatzimarkakis erlaubt sich einen Kunstgriff und gibt der vermeintlich naiven Ein-Euromünze aus Griechenland eine Stimme. Über diesen Umweg landen interessante Einblicke in das Innenleben politischer Entscheidungsprozesse aber auch über die bislang zumindest in Deutschland kaum bekannten Einflüsse der sogenannten Kodjabassen auf die Misswirtschaft in Griechenland in einem Tagebuch. Dass die aus dem osmanischen Reich geerbte Machtelite immer noch einen – viel zu – großen Einfluss auf die Geschicke des Landes hat, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Dabei grenzt der griechische Euro seine Identität immer wieder ab, zunächst gegen den deutschen Euro und später dann gegen die geheimnisvoll zurückkehrende Drachme in Form einer Münze, mit der unser Euro kommuniziert. Chatzimarkakis lässt offen, wie lange der griechische Euro letztlich als Währung überlebt.

 

Geboren wird er jedenfalls zur Jahrtausendwende: Am 8. April 2001 wird um 11.33 Uhr in der staatlichen Münzprägeanstalt in Athen eine griechische Ein-Euromünze gestanzt. Dieser griechische Euro beginnt unmittelbar Tagebuch zu führen und tut dies bis zu seinem vorzeitigen Ende am Meeresgrund vor der Insel Ägina im März 2015. Dazwischen liegen turbulente Jahre, die den Euro in die Hände mehrerer Besitzer führt: Bettler und Oligarchen, Griechen und Deutsche, Politiker und Demonstranten, Einwanderer und Nationalisten. In den ersten Jahren seiner Existenz herrscht ein Hochgefühl. Die Griechen sind bewegt und stolz, dass sie Teil der Euro-Familie sind. Man gewinnt die Fußball-Europameisterschaft, Athen wird zu Schauplatz der Olympischen Spiele und Griechenland wähnt sich im Zentrum der Welt. Dann schleichen sich erste politische Manipulationen ein, die das Vertrauen zwischen Nord- und Südeuropäern schwinden lassen. Als die Staatschuldenkrise 2009 ausbricht erlebt der griechische Euro das Wechselbad der Gefühle nicht nur anlässlich der großen Demonstrationen in Athen, sondern auch auf dem politischen Gipfeltreffen in Cannes, das die Bundeskanzlerin weinen und den griechischen Ministerpräsidenten zurücktreten lässt. Unser Protagonist merkt, dass er zunehmend weniger geliebt wird. Durch seine Besitzer erlebt er die Erfahrungswelt der Leidtragenden und der Nutznießer der Eurokrise. Er durchlebt die Doppelzüngigkeit von Politikern und Bankern sowie die Hilflosigkeit der einfachen Menschen. Am Ende wird unser griechischer Euro unmittelbar Zeuge der Rettungsaktionen der Anfang 2015 gewählten Regierung und macht sich Gedanken über sich und seine Existenz.

 

Das „Tagebuch eines griechischen Euro“ verdeutlicht dem Leser die Hintergründe der Eurokrise aus der Sicht der täglichen Nutzer und Ausnutzer unserer Währung. Es erhellt aus vielfacher Perspektive, wie es zum schwierigen Verhältnis der Griechen zum Euro aber auch zu den Deutschen kommen konnte.

 

Chatzimarkakis beweist mit seinem belletristischen Erstling, dass in ihm durchaus ein talentierter Autor steckt, den das Politische jedoch nicht ganz los lässt. Das „Tagebuch eines griechischen Euro“ liest sich mit Genuss, vor allem wenn man sich ständig im deutsch-griechischen Umfeld bewegt. Es bleibt zu hoffen, dass einige politische Entscheider sich das Buch zu Gemüte führen, bevor sie weitere Schritte zur Zukunft Griechenlands im Verhältnis zum Euroraum wagen. Eine weitere Hoffnung ist, dass der Autor hier nicht aufhört und weitere Werke folgen lässt.

 

Jorgo Chatzimarkakis

Tagebuch eines griechischen Euro: Eine europäische Geschichte

Größenwahn Verlag; ISBN-10: 3957710731; ISBN-13: 978-3957710734

Gebundene Ausgabe: 21,90 €; Kindle-Edition: 17,99 €